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Deutschland ein Radelmärchen

Die Gedichte-Rezitatorin Anna-Magdalena Bössen radwanderte 8160 Kilometer weit durch ganz Deutschland. Überall dort, wo sie bei Privatleuten Unterkunft fand, rezitierte sie Gedichte. Lesen Sie den Bericht über ihre Erfahrungen und Entdeckungen auf ihrer langen Gedichtetournee mit dem Rad.

In jedem von uns steckt ein kleiner Vagabund. Doch die eigene Komfortzone zu verlassen und die bisherige Existenz an den Nagel zu hängen, traut sich kaum einer. Letztlich geht den meisten Sicherheit über alles.

Sehnsucht nach Gemeinschaft und Verbundenheit

Anna Magdalena Bössen jedoch, hat sich getraut. Sie radelte zwei Jahre lang durch ganz Deutschland, im Gepäck nur zwei Satteltaschen mit Funktionskleidung und einen gelben Koffer voller Gedichte. Mehr als 8100 Kilometer legte sie auf ihrem Drahtesel zurück und nächtigte hunderte Male bei fremden Familien. Und rezitierte überall dort, wo sie eingeladen wurde, ihre Gedichte. Der Bekanntenkreis ihrer Gastgeber bildete jeweils das Publikum für ihre Gedicht-Lesung. Ein Unternehmen, das trotz einer halbjährigen Planungs- und Vorbereitungszeit unwägbar und somit riskant blieb. So war sie oft nicht sicher, ob sich Gastgeber finden würden. Und häufig genug traten auch unvorhersehbare Ereignisse auf, sei es ein Hexenschuss auf der Strecke oder Unwetter, das die Weiterfahrt unmöglich machte.

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Die diplomierte Gedichte-Rezitatorin war vor ihrer Radtour an einem Punkt in ihrem Leben angekommen, an dem sie nicht mehr so recht wusste, wie es beruflich und privat in ihrem Leben weitergehen sollte. Acht Jahre lang hatte sie nach ihrem Studium an der staatlichen Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Stuttgart als Sprechcoach und Veranstalterin ihrer Firma „textouren“ in Hamburg gearbeitet. Ihre Literaturschauspiele bot sie in ungewöhnlicher Kulisse, beispielsweise im Hamburger Hafen dar und machte so Rezitation zum Erlebnis. Irgendwann sei sie auf die Idee gekommen, eine literarische Reise durch ganz Deutschland zu machen. Das Motiv für ihre Reise sei eine Mischung aus Fernweh und Neugier gewesen, erklärt sie im Vorwort zu ihrem  Buch „Deutschland, ein Wandermärchen“. „Außerdem sehnte ich mich nach Verbundenheit und einer größeren Gemeinschaft“, erinnert sie sich. Deshalb wollte sie herausfinden „Bin ich Deutschland? Und „Was bedeutet eigentlich Heimat für mich?“ Auf all diese Fragen erhoffte sie sich auf ihrer großen Reise Antworten zu finden. Dafür war sie bereit, eine Menge aufs Spiel zu setzen. Sie tauschte finanzielle Sicherheit ebenso wie ihre Privatsphäre und Selbstbestimmung gegen Unsicherheit, Abenteuer und Gottvertrauen.

Ein Leben voller Unsicherheit und Unwägbarkeiten
Zwei Jahre lang radelte sie von Ort zu Ort, scheute auch nicht davor zurück, eine Hallig in der Nordsee zu besuchen, schraubte sich an der Ostseeküste bis nach Flensburg hoch, und schlängelte sich von dort wieder gen Osten. Sie bezwang mit dem Rad so manchen Alpenausläufer. Ihre Radtouren seien alles andere als idyllisch gewesen, sagt Bössen auf ihrer Premiere im Hamburger Theatersalon „Zweite Heimat“. Oft sei sie durch das lange Unterwegssein, aber auch die vielen Eindrücke nicht nur an ihre physischen, sondern auch an ihre psychischen Grenzen gekommen. Ab und zu auch wurden ihre Erwartungen enttäuscht. So hatte sie sich vom Besuch eines Ortes am Bodensee, Momente der Erholung und Erfrischung erhofft. Stattdessen musste sie sich auf dem Weg zur Gastgeberin, die im Hochland wohnte, bei sengender Hitze acht Kilometer den Berg hinaufkämpfen, vorbei an Touristenschwärmen, fahrenden und parkenden Autokolonnen, die ihr den Blick auf den See verstellen. Von Naturidylle keine Spur! Als ein Passant sie dann noch beschimpfte, habe sie ihr Rad ins Gras geschmissen und sei laut schluchzend auf einen Heuballen geklettert. Zum Glück holte die Gastgeberin die erschöpfte und demoralisierte Gedichtrezitatorin mit dem Auto ab.

Mit ihren Gastgebern habe sie nur gute Erfahrungen gemacht und noch heute sei sie erstaunt darüber, welch einen großen Vertrauensvorschuss sie ihr gewährt hätten, berichtet sie. „Das in mich gesetzte Vertrauen wollte ich keinesfalls enttäuschen. Schließlich war ich zu Gast und so ließ ich mich für 48 Stunden auf ihr fremdes Leben ein. Oft musste ich mich meine eigenen Bedürfnisse zurücknehmen und mich in Geduld üben“. Dafür bekam sie jedoch viel von ihren Gastgebern – oftmals Müttern von erwachsenen Kindern – zurück. „Sie erkannten auf den ersten Blick, wie es mir ging und was ich brauchte“, berichtet Bössen.

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Am zweiten Abend ihres Aufenthaltes trat sie meist mit ihrem Koffer-Programm auf. Bei ihren Auftritten, die in kuscheligen Wohnzimmern, in kargen Rathaussälen oder auch mal in unüber-sichtlichen Schiffsbäuchen stattfanden, gab es keine Bühne, keine Kulisse und nicht mal einen Scheinwerfer. Als einzige Requisiten dienten ihr ein Küchenstuhl und ihr ausrangierter gelber Koffer, den sie auf dem Dachboden gefunden hatte. In Zeiten, in denen digitale Medien ständige Ablenkung versprechen und die nächste Info immer nur einen Klick weit entfernt ist, erscheint es schon beinahe anmaßend, das Publikum nur mit einem reinen Gedichtvortrag in den Bann ziehen zu wollen. Dennoch ist ihr dies oft genug geglückt. Wer ihre weiche volle Altstimme einmal gehört hat, den wundert das nicht. Schillers dramatisches Gedicht „die Bürgschaft“ trägt sie ebenso gut wie Goethes bekannte Verse „Willkommen und Abschied“ vor. Sie kann aber auch anders, beherrscht nicht nur die Rezitation klassischer Balladen. Den „Vaga-bundenspruch“ von Mascha Kaléko oder das fast unaussprechliche Dada-Gedicht „Karawane“ von Hugo Ball trägt sie mit leichter heiterer Stimme im rasanten Tempo vor.

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Deutsche haben auch Humor
Auf ihren Reisen habe sie viel über „den Deutschen“ gelernt, nämlich dass dieser nicht nur die alt- und allseits bekannten Tugenden Disziplin, Genauigkeit und Pünktlichkeit, sondern viele weitere gute Eigenschaften wie Eigensinn, Gelassenheit und vor allem Humor besitzt! Als Beweis rezitiert sie auf der Bühne im Hamburger Theatersalon rasch hintereinander gleich mehrere kurze Gedichte, darunter Ernst Jandls „Sommerlied“ und Heinz Erhardts Gedicht
„der Berg“.

Der Weg habe sie viele Tränen gekostet, noch mehr Muskelkater und jede Menge schlaflose Nächte, konstatiert sie. Aber er habe ihr auch etwas Unbezahlbares geschenkt. „Heute habe ich mehr Vertrauen ins Menschsein, sowohl mehr Vertrauen in mich selber als auch in meine Mitmenschen, ich habe meine große Liebe und eine Heimat gefunden, die ich mit jedem Schritt meines Lebens in die Zukunft trage“.

Fotos: Michael Olbert