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Die Seelentaucher

Viele Menschen lehnen die Hypnose als Therapie ab. Sie haben Angst vor dem Kontrollverlust. Zu Unrecht, denn wer hypnotisiert ist, ist nicht bewusstlos. Die moderne klinische Hypnotherapie wendet seriöse Methoden an und erzielt damit durchaus Heilerfolge.

Bis heute wird mit der Fähigkeit der Hypnose viel Scharlatanerie betrieben. So kann man in Fernsehshows sehen, wie Magier Menschen in nur wenigen Minuten von einer Schlangen- oder Spinnenphobie heilen. Dazu wird der Proband nur kurz in Trance versetzt, indem man ein Pendel vor seinen Augen hin und her schwingen lässt. Der Hypnotiseur gibt nun klare Handlungsanweisungen: „Fass die Spinne an“ oder erklärt mit klarer autoritärer Stimme: „Du hast keine Angst mehr vor Spinnen“. „Um ihre scheinbare absolute Macht zu demonstrieren, wecken Bühnenhypnotiseure ihre Opfer in der Regel mit einem Fingerschnipsen blitzschnell wieder auf. Oft mit fatalen Folgen. Denn „Showhypnotiseure können traumatisierende Emotionen in ihren Opfern mobilisieren, wissen aber mit dem, was sie in den Opfern ausgelöst haben, nicht umzugehen“, warnt die Deutsche Gesellschaft für Hypnose- und Hypnotherapie e.V. (DGH). Viele Menschen verbinden Hypnose bis heute mit Macht über willenlose Menschen. Auch aus diesem Grund ist es ein primäres Anliegen der DGH sich von diesen Laienhypnotiseuren abzugrenzen und die Hypnose als Instrument der Forschung und der Therapie respektabel zu machen sowie das Interesse an der „seriösen“ experimentellen und klinischen Hypnose in Deutschland zu fördern.

Was Skeptiker und Kritiker der Hypnose beruhigen mag: Gegen den eigenen Willen kann man nicht hypnotisiert werden. Zufolge großer Vergleichsstudien sind etwa 10 Prozent aller Menschen sehr gut hypnotisierbar. Das sind nicht etwa besonders Leichtgläubige, sondern vor allem Leute, die über eine lebhafte Vorstellungskraft verfügen. Ebenso viele sprechen nur schwer oder gar nicht auf Hypnose an, die meisten aber liegen im Mittelmaß – und das reicht für eine Behandlung aus. Im Prinzip ist jeder hypnotisierbar, der auch schlafen kann. Das Einzige, was einen Menschen daran hindern kann, in Trance zu verfallen, ist der eigene Wille, und die Angst vor dem Zustand der Trance.

Bei vielen körperlichen Erkrankungen, die durch psychische und soziale Faktoren bedingt sind, ist die Hypnotherapie als Behandlungsmethode längst anerkannt. Der von der deutschen Bundesregierung eingerichtete Wissenschaftliche Beirat Psychotherapie kam zu dem Schluss, dass Erfolge in zwei Bereichen nachgewiesen seien: Zum einen hilft diese Methode beim Drogenentzug und bei Nikotinsucht, zum anderen erleichtert es die Bewältigung von Migräne oder Spannungskopfschmerzen. Überraschend sind auch die Erfolge bei narkoseresistenten Patienten, bei denen mithilfe der Hypnose kleinere Operationen und Eingriffe, wie Zahnbehandlungen oder Magenspiegelungen durchgeführt werden können.

Was ist Hypnose überhaupt für ein Zustand?

Der Begriff Hypnose leitet sich zwar etymologisch vom Griechischen Wort Hypnos ab, was soviel wie Schlaf bedeutet. Doch man ist während einer Hypnose nicht total bewusstlos. „Vielmehr befindet man sich in einem dritten Zustand, irgendwo zwischen Schlaf und wachen Bewusstsein, kurz vor dem Einschlafen oder dem Aufwachen. Die letzten Bilder vom Traum laufen noch, wir hören aber schon die ersten Geräusche“. Der Körper fühlt sich angenehm schwer und entspannt an, dabei kann man jedoch noch Geräusche aus der Umgebung wahrnehmen. In diesem besonderen Zustand der tiefen Entspannung kann der Körper neue Kraft tanken und Lösungsmöglichkeiten finden“, erklärt Carmen Büge, Heilpraktikerin und Hypnotherapeutin aus Karlsruhe. Die Angst, man würde unter Hypnose alles Mögliche erzählen und ausplaudern, sei deshalb unberechtigt, so Büge. Normalerweise führe der Therapeut mit seiner Stimme durch die Hypnose, der Patient höre entspannt zu. Im Gegensatz zu einem Schlafenden kann das Hirn eines Hypnotisierten auf unbewusste Weise aktiv den Bewegungsbefehlen, Vorschlägen und Anweisungen des Hypnotiseurs folgen. Da das Bewusstsein und seine kognitiven Kontrollmechanismen in dieser Zeit jedoch reduziert sind, kann der Hypnosetherapeut problemlos mit dem Unterbewusstsein des Patienten kommunizieren. Dort sind all unsere Erinnerungen, Konflikte, Gewohnheiten, Schmerzen, Wünsche, Ängste und vieles mehr verborgen.

Im Zustand der Trance ist der Patient besonders offen für Suggestionen und positive Vorstellungen. Ob es sich nun um Bilder oder Klänge handelt, unter Hypnose erleben die meisten Menschen diese nicht als bloße Vorstellung sondern als reales Geschehen. Somit kann eine alternative Wirklichkeit konstruiert werden, ohne dass das Bewusstsein ständig dazwischen „funkt“.

„Das Unterbewusstsein irrt und lügt nicht“

Die moderne Hypnotherapie betont in der Regel die Individualität jedes einzelnen Patienten. Sie strebt ein Patientenverhältnis auf Augenhöhe an. Das bedeutet, dass eine Hypnose nicht nach Schema F durchgeführt werden kann, sondern für jeden einzelnen Patienten der richtige Zugang und die passende Techniken gefunden werden müssen. Diesen neuen Ansatz entwickelte Milton Erickson (1901 bis 1980), der als Vater der modernen Hypnose gilt. Letztlich ist es ihm zu verdanken, dass Hypnose in der Psychotherapie wieder mehr zum Einsatz kam und sich die Einstellung gegenüber der Hypnose wandelte. Im Gegensatz zu dem früheren autoritären oder direktiven Stil, der bis in die 50er und 60er Jahre vorherrschend war, wollte der amerikanische Psychiater Erickson mit seinen Methoden, die begrenzte Fähigkeit des Bewusstseins erweitern, in dem er seine starren Denk-Strukturen lockerte: Zugleich wollte er das Unterbewusstsein anregen, selbst neue Lösungen zu finden. Letztlich ging es ihm darum, neue Ressourcen zur Selbstheilung zu erschließen, aber auch bereits vorhandene Ressourcen verstärkt zu nutzen. Ein kluger moderner Hypnotiseur überlässt dem Patienten die Interpretation der Geschichte und welche Bedeutung er der Suggestion gibt. Schließlich soll dieser selber das Problem der Geschichte, die er erzählt bekommt, erkennen und eine eigene Lösung finden. Auch Carmen Büge ist von der Methodik Ericksons überzeugt und meint „Nur wenn der Mensch die Lösung selbst findet, wird er auch danach handeln“.

 

Autorin: Inge Behrens

Sieht leichter aus als es ist: radwandern durch Deutschland

Unterwegs mit nem Koffer voller Gedichte

Die Gedichte-Rezitatorin Anna-Magdalena Bössen radwanderte 8160 Kilometer weit
durch ganz Deutschland. Überall dort, wo sie bei Privatleuten Unterkunft fand,
rezitierte sie Gedichte. Lesen Sie den Bericht über ihre Erfahrungen und Entdeckungen
auf ihrer langen Gedichtetournee mit dem Rad.

Sie sind fast so selten zu sehen wie eine vom Aussterben bedrohte Tierart: Zimmer- und Schieferdeckergesellen auf der Walz. Man erkennt sie an ihrer altmodischen schwarzen Kluft, die aus einer mit Biesen besetzten Manchesterjacke und Schlaghose sowie einem großen Schlapphut besteht. Letzterer übrigens einst ein Zeichen des freien Mannes.

Wer so einen Wandersmann erblickt, reagiert meist entzückt, wohlwissend, dass die Zeiten, in der jemand auszog, um das Fürchten zu lernen, längst der Vergangenheit angehören. Auch heute träumen viele noch davon, einfach von Ort zu Ort zu ziehen, frei und ohne alle Verpflichtungen. In jedem von uns steckt schließlich ein kleiner Vagabund. Doch die eigene Komfortzone zu verlassen und die bisherige Existenz an den Nagel zu hängen, traut sich kaum einer. Letztlich geht den meisten Sicherheit über alles.

Sehnsucht nach Gemeinschaft und Verbundenheit

Anna Magdalena Bössen jedoch, hat sich getraut. Sie radelte zwei Jahre lang durch ganz Deutschland, im Gepäck nur zwei Satteltaschen mit Funktionskleidung und einen gelben Koffer voller Gedichte. Mehr als 8100 Kilometer legte sie auf ihrem Drahtesel zurück und nächtigte hunderte Male bei fremden Familien. Und rezitierte überall dort, wo sie eingeladen wurde, ihre Gedichte. Der Bekanntenkreis ihrer Gastgeber bildete jeweils das Publikum für ihre Gedicht-Lesung. Ein Unternehmen, das trotz einer halbjährigen Planungs- und Vorbereitungszeit unwägbar und somit riskant blieb. So war sie oft nicht sicher, ob sich Gastgeber finden würden. Und häufig genug traten auch unvorhersehbare Ereignisse auf, sei es ein Hexenschuss auf der Strecke oder Unwetter, das die Weiterfahrt unmöglich machte.

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Die diplomierte Gedichte-Rezitatorin war vor ihrer Radtour an einem Punkt in ihrem Leben angekommen, an dem sie nicht mehr so recht wusste, wie es beruflich und privat in ihrem Leben weitergehen sollte. Acht Jahre lang hatte sie nach ihrem Studium an der staatlichen Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Stuttgart als Sprechcoach und Veranstalterin ihrer Firma „textouren“ in Hamburg gearbeitet. Ihre Literaturschauspiele bot sie in ungewöhnlicher Kulisse, beispielsweise im Hamburger Hafen dar und machte so Rezitation zum Erlebnis. Irgendwann sei sie auf die Idee gekommen, eine literarische Reise durch ganz Deutschland zu machen. Das Motiv für ihre Reise sei eine Mischung aus Fernweh und Neugier gewesen, erklärt sie im Vorwort zu ihrem  Buch „Deutschland, ein Wandermärchen“. „Außerdem sehnte ich mich nach Verbundenheit und einer größeren Gemeinschaft“, erinnert sie sich. Deshalb wollte sie herausfinden „Bin ich Deutschland? Und „Was bedeutet eigentlich Heimat für mich?“ Auf all diese Fragen erhoffte sie sich auf ihrer großen Reise Antworten zu finden. Dafür war sie bereit, eine Menge aufs Spiel zu setzen. Sie tauschte finanzielle Sicherheit ebenso wie ihre Privatsphäre und Selbstbestimmung gegen Unsicherheit, Abenteuer und Gottvertrauen.

Ein Leben voller Unsicherheit und Unwägbarkeiten
Zwei Jahre lang radelte sie von Ort zu Ort, scheute auch nicht davor zurück, eine Hallig in der Nordsee zu besuchen, schraubte sich an der Ostseeküste bis nach Flensburg hoch, und schlängelte sich von dort wieder gen Osten. Sie bezwang mit dem Rad so manchen Alpen-ausläufer. Ihre Radtouren seien alles andere als idyllisch gewesen, sagt Bössen auf ihrer Premiere im Hamburger Theatersalon „Zweite Heimat“. Oft sei sie durch das lange Unter-wegssein, aber auch die vielen Eindrücke nicht nur an ihre physischen, sondern auch an ihre psychischen Grenzen gekommen. Ab und zu auch wurden ihre Erwartungen enttäuscht. So
hatte sie sich vom Besuch eines Ortes am Bodensee, Momente der Erholung und Erfrischung erhofft. Stattdessen musste sie sich auf dem Weg zur Gastgeberin, die im Hochland wohnte, bei sengender Hitze acht Kilometer den Berg hinaufkämpfen, vorbei an Touristenschwärmen, fahrenden und parkenden Autokolonnen, die ihr den Blick auf den See verstellen. Von Natur-idylle keine Spur! Als ein Passant sie dann noch beschimpfte, habe sie ihr Rad ins Gras geschmissen und sei laut schluchzend auf einen Heuballen geklettert. Zum Glück holte die Gastgeberin die erschöpfte und demoralisierte Gedichtrezitatorin mit dem Auto ab.

Mit ihren Gastgebern habe sie nur gute Erfahrungen gemacht und noch heute sei sie erstaunt darüber, welch einen großen Vertrauensvorschuss sie ihr gewährt hätten, berichtet sie. „Das in mich gesetzte Vertrauen wollte ich keinesfalls enttäuschen. Schließlich war ich zu Gast und so ließ ich mich für 48 Stunden auf ihr fremdes Leben ein. Oft musste ich mich meine eigenen Bedürfnisse zurücknehmen und mich in Geduld üben“. Dafür bekam sie jedoch viel von ihren Gastgebern – oftmals Müttern von erwachsenen Kindern – zurück. „Sie erkannten auf den ersten Blick, wie es mir ging und was ich brauchte“, berichtet Bössen.

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Am zweiten Abend ihres Aufenthaltes trat sie meist mit ihrem Koffer-Programm auf. Bei ihren Auftritten, die in kuscheligen Wohnzimmern, in kargen Rathaussälen oder auch mal in unüber-sichtlichen Schiffsbäuchen stattfanden, gab es keine Bühne, keine Kulisse und nicht mal einen Scheinwerfer. Als einzige Requisiten dienten ihr ein Küchenstuhl und ihr ausrangierter gelber Koffer, den sie auf dem Dachboden gefunden hatte. In Zeiten, in denen digitale Medien ständige Ablenkung versprechen und die nächste Info immer nur einen Klick weit entfernt ist, erscheint es schon beinahe anmaßend, das Publikum nur mit einem reinen Gedichtvortrag in den Bann ziehen zu wollen. Dennoch ist ihr dies oft genug geglückt. Wer ihre weiche volle Altstimme einmal gehört hat, den wundert das nicht. Schillers dramatisches Gedicht „die Bürgschaft“ trägt sie ebenso gut wie Goethes bekannte Verse „Willkommen und Abschied“ vor. Sie kann aber auch anders, beherrscht nicht nur die Rezitation klassischer Balladen. Den „Vaga-bundenspruch“ von Mascha Kaléko oder das fast unaussprechliche Dada-Gedicht „Karawane“ von Hugo Ball trägt sie mit leichter heiterer Stimme im rasanten Tempo vor.

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Deutsche haben auch Humor
Auf ihren Reisen habe sie viel über „den Deutschen“ gelernt, nämlich dass dieser nicht nur die alt- und allseits bekannten Tugenden Disziplin, Genauigkeit und Pünktlichkeit, sondern viele weitere gute Eigenschaften wie Eigensinn, Gelassenheit und vor allem Humor besitzt! Als Beweis rezitiert sie auf der Bühne im Hamburger Theatersalon rasch hintereinander gleich mehrere kurze Gedichte, darunter Ernst Jandls „Sommerlied“ und Heinz Erhardts Gedicht
„der Berg“.

Der Weg habe sie viele Tränen gekostet, noch mehr Muskelkater und jede Menge schlaflose Nächte, konstatiert sie. Aber er habe ihr auch etwas Unbezahlbares geschenkt. „Heute habe ich mehr Vertrauen ins Menschsein, sowohl mehr Vertrauen in mich selber als auch in meine Mitmenschen, ich habe meine große Liebe und eine Heimat gefunden, die ich mit jedem Schritt meines Lebens in die Zukunft trage“.

Fotos: Michael Olbert

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Das Geheimnis echter Intimität

Deutschland ist auf dem besten Weg in eine Singlegesellschaft zu werden. Rund 20 Millionen Männer und Frauen zwischen 21 und 60 Jahren sind in Deutschland aktuell partnerlos. Geht die individuelle Freiheit und Autonomie den Deutschen über alles? So ganz stimmt das nicht. Zwar genießen viele nach der Trennung erst einmal ihre Freiheit und verspüren naturgemäß eine große Erleichterung. Nach einer gewissen Phase des Alleinseins entsteht bei vielen jedoch wieder der Wunsch nach einer Partnerschaft. Nach wie vor glauben die meisten, dass das Leben gemeinsam viel schöner sei als allein und glauben auch, dass sich Probleme gemeinsam oftmals leichter lösen lassen. Manche ahnen und andere haben es auch schon erfahren, dass eben nur zwischen zwei Liebenden „intensive Momente der Begegnung dauerhaft und reproduzierbar entstehen können“.

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Homöopathische Heilmittel für die Seele

 Angst- und Schlafstörungen oder Depressionen: die Homöopathie hilft nicht nur bei körperlichen, sondern vor allem  bei vielen seelischen Beschwerden. Imge Behrens hat die Hamburger Heilpraktikerin Jenny Hertz befragt.

Die Samen der Ignatiusbohne enthalten die bekannte Substanz Strychnin. Jeder weiß, dass sie hochgiftig ist. Wer zu viel davon zu sich nimmt, erstickt qualvoll. Doch das darin enthaltene starke Nervengift ist auch ein Heilmittel, das verdünnt und homöopathisch aufbereitet bei Magen- und Darmschmerzen, Krämpfen, Leberbeschwerden und Vergiftung eine positive lindernde Wirkung zeigt. Die homöopathische Arznei wirkt aber nicht nur körperlich, sondern ganzheitlich. „Ignatia“ zeigt seine besten Eigenschaften bei seelischen Beschwerden wie nervöser Gereiztheit, Weinerlichkeit und depressiver Verstimmung. „Es ist ein gutes Kummermittel und hilft bei Verlust und Trennungsschmerz“, weiß Heilpraktikerin Jenny Hertz, die auf Homöopathie spezialisiert ist, aus praktischer Erfahrung.

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Chinesische Medizin als begleitende Krebstherapie

Immer mehr Patienten wünschen sich eine ganzheitliche Behandlung parallel zur Standardtherapie. Vor allem von der Chinesischen Medizin erhoffen sich viele eine Linderung der Nebenwirkungen. Die Schulmedizin öffnet sich ganz langsam.

Für jeden Menschen ist die Diagnose „Krebs“ ein Schock und löst enorme Ängste aus. Kaskadenartig erscheinen Leidensbilder von unglaublicher Wucht und Intensität vor ihrem inneren Auge. Dabei ruft nicht allein die Krankheit und die möglichen Schmerzen Panik hervor. Vor allem die Nebenwirkungen einer Strahlen- oder Chemotherapie und der damit einhergehende Verlust der Lebensqualität versetzen die meisten in Angst und Schrecken. Häufig geraten Menschen vor und während der Therapie deshalb in eine tiefe seelische Krise. Genau das kann zu einer zusätzlichen Belastung werden und der Genesung im Wege stehen. Denn es ist wichtig, dass der Patient zuversichtlich bleibt und von seiner Heilung überzeugt ist. Angst und Depression können die Erfolgsaussichten einer Chemotherapie ganz enorm mindern.

Die Schulmedizin kann dem Patienten nur wenig Beistand leisten und verweist meist auf Angehörige. Hinzukommt: Oft genug fühlt sich ein Krebspatient einem System, dessen Behandlungsstandards sich starr an den Leitlinien der Krankenkassen orientieren, hilflos ausgeliefert. Viele Patienten werden vom Arzt stark unter Druck gesetzt und glauben sofort dem vorgeschlagenen Behandlungsplan zustimmen zu müssen. Um die Nebenwirkungen zu lindern, versuchen viele Krebskranke deshalb in aller Eile parallel zur schulmedizinischen Behandlung  im riesigen Angebot an Naturheilkundlern und Heilpraktikern einen zusätzlichen Therapieansatz zu finden. 60 Prozent aller Patienten nehmen aus Angst vor den massiven Nebenwirkungen Naturheilmittel ein. Ob nun Mistel- oder Thymusextrakte, Vitamine oder auch homöopathische Präparate – jedes Mittel scheint als rettender Strohhalm recht. Oftmals informieren die Patienten den Onkologe darüber nicht, meist aus Furcht, der Arzt werde ihnen möglicherweise von der Einnahme der Naturstoffe abraten. Tatsächlich lehnen nach wie vor viele Schulmediziner – oft aus purer Unkenntnis – alternative Heilmethoden ab. Auch das Ärzte- und Autorenduo Prof. Dr. Gustav Dobos und Dr. Sherko Kümmel, die sich in ihrem  2012 erschienenen Buch „Gemeinsam gegen Krebs“ für die ergänzende Behandlung der Standardmedizin mit alternativen Verfahren aussprechen und somit Befürworter einer integrativen Medizin sind, warnen vor dem falschen Einsatz von Heilkräutern und Vitaminen während einer Chemotherapie, da dies zu massiven Störungen oder gar Versagen der Krebstherapie führen könne. Schon ein Glas Grapefruitsaft, die tägliche Dosis Johanniskraut oder Vitamine in hohen Dosen könnten Chemo- und Strahlentherapie massiv beeinträchtigen und die Wirkung stören, so die beiden Mediziner. Es fragt sich, ob hierfür denn ein objektiver Beweis vorliegt.

Schulmediziner öffnen sich der ganzheitlichen Therapie

Besser ist es, sich als Patient nicht unter Druck setzen zu lassen und sich in Ruhe nach einer naturheilkundlich orientierten Komplementärtherapie in seiner Region zu erkundigen. Rat findet man beispielsweise bei der Deutschen Gesellschaft für Biologische Krebsabwehr. Im optimalen Fall entwickelt der Onkologe gemeinsam mit den Therapeuten der alternativen Heilkunde einen Behandlungsplan, der nicht nur die Tumorbeseitigung zum Ziel hat, sondern auch die Nebenwirkungen lindert und wenn möglich auch die Erfolgsaussichten auf Heilung verbessert. Laut einer Umfrage….

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Unvermeidlich glücklich

 

Jeder Mensch kann glücklich werden. Davon ist der Philosoph und Psychiater Dr. med. Manfred Lütz, der hauptberuflich als Chefarzt am Kölner Alexianer Krankenhaus tätig ist, zutiefst überzeugt. Da es gar nicht so einfach ist, in dem Labyrinth der vielen Glücks-Möglichkeiten den eigenen rechten Pfad zu finden, hat der Erfolgsautor nun ein neues unterhaltsames Werk verfasst. In dem Buch „Wie Sie unvermeidlich glücklich werden – Eine Psychologie des Gelingens“ bietet er Glückssuchern eine Orientierungshilfe, indem er in Kurzform die gesamte Geschichte der Glücks-Philosophen präsentiert. Die Journalistin Inge Behrens hat ihn über sein neues Buch befragt:

IB: Ist es heute leichter, ein glückliches Leben zu führen als früher?

Lütz: Das kommt ganz darauf an, wie Sie Glück definieren. Aber ich halte von Glücksdefinitionen ohnehin nichts, damit fängt nämlich meistens das Unglück an, denn da definiert dann irgendein Autor, was für ihn das Glück ist und lässt den Leser unglücklich zurück, weil der nun mal nicht der Autor ist. Ich habe dagegen einen Antiratgeber geschrieben, der von den ganz unterschiedlichen Ideen erzählt, die die gescheitesten Menschen der Welt zum Glück gehabt haben, und dann kann jeder selbst entscheiden, was zu ihm passt. Kein Mensch kann wirklich sagen, ob wir heute glücklicher sind als früher, wir sind anders glücklich.

IB: Warum sind die Menschen in der westlichen Gesellschaft so glückshungrig und warum führt die maßlose Sehnsucht nach machbarem Glück ihrer Meinung nach in die Sackgasse?

Lütz: Ich glaube, dass die Glücksindustrie ein tolles Marketing veranstaltet. Auch die Casting-Mentalität, die dazu nötigt, sich dauernd mit anderen Menschen zu vergleichen, die nun mal anders sind und anders bleiben, macht unglücklich.

IB: Glück sei immer etwas Höchstpersönliches, schreiben Sie. Jeder müsse seine eigene Glücksrezeptur finden und entwickeln. Was macht Sie denn persönlich glücklich oder in welchen Momenten haben Sie reines Glück erlebt?

Lütz: Wenn man glücklich ist, ist Glück kein Thema. Wer dauernd über Gesundheit redet, ist meistens krank und wer dauernd über das Glück nachdenkt ist nicht selten unglücklich. Und Momente, in denen ich persönlich glücklich war, kann niemand sonst genauso erleben.

IB: Sie unterscheiden ein erfolgreiches von einem gelingenden Leben. Erfolg ist für Sie keineswegs ein Garant für das Glück. Sie glauben sogar, dass ein Mensch der nur auf Erfolg setzt, unvermeidlich unglücklich wird.

Lütz: Genau. Meinen Töchtern habe ich neulich viel Glück gewünscht, aber keinen Erfolg. Sie sollten ihre Fähigkeiten fleißig einsetzen und ob man damit dann Erfolg hat, das hänge von so vielen Zufällen ab, das sei nicht wichtig. Vincent van Gogh war der erfolgloseste Maler aller Zeiten. Seine Bilder waren unverkäuflich, aber diese Genie hat natürlich ein gelungenes Künstlerleben geführt. Josef Stalin war der erfolgreichste russische Herrscher, aber wer wird das Leben dieses Massenmörders ein gelungenes Leben nennen?

IB: Sie zitieren in Ihrem Buch den Heidelberger Philosophen Karl Jaspers, der meinte, dass die Glückssuche das eigentliche Sein des Menschen bedrohe. Dennoch müsse man es“ wagen“ glücklich zu sein. Können Sie diesen widersprüchlichen Gedanken erklären.

Lütz: Jaspers sagt, dass die Grenzsituationen des menschlichen Lebens, also Leid, Schuld, Kampf und Tod unvermeidlich sind. Und wenn man zeigen könnte, wie man in diesen unvermeidlichen Situationen glücklich sein kann, dann kann man natürlich unvermeidlich glücklich werden.

IB: Die meisten Menschen vermeiden es tunlichst zu leiden. Da gibt es den Mann, der seine krebskranke Frau verlässt oder nicht ein einziges Mal im Krankenhaus besucht, weil er mit Leiden nicht konfrontiert werden möchte. Können solche Leidensvermeider glücklich werden?

Lütz: Als ich mein Buch schrieb, konnte ich nicht ahnen, wie aktuell der Gedanke von Jaspers jetzt plötzlich ist, dass man nur im Bewusstsein der unvermeidlichen Krisen eines Lebens, und dazu gehört auch das Leiden, ernsthaft glücklich werden könne. Für wen Glück bloß aus irgendwelchen herstellbaren Glücksgefühlen besteht, die man mit Riechstäbchen erzeugt oder dadurch, dass man die Füße in Champagner badet, wird in unseren Zeiten nicht glücklich, sondern ängstlich.

IB: Kann ein Mensch, der den Gedanken an die eigene Sterblichkeit und der Endlichkeit seines Daseins verdrängt, glücklich sein?

Lütz: Man kann nicht dauernd an seinen Tod denken. Ein bisschen Verdrängen ist ganz normal. Aber wer das tatsächlich systematisch macht, der kann wohl nicht wirklich glücklich werden. Im pompejianischen Bordell waren Totenschädel an die Wände freskiert als Aufforderung: Mensch denke daran, dass du stirbst und lebe jeden Tag lustvoll, carpe diem, pflücke den Tag.

 

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Raus aus dem Tief: Depression überwinden

Ein depressiver Mensch ist nicht nur hin und wieder traurig oder ab und zu verzweifelt. Das sind Gefühle, die sind normal und gehören zum Menschsein. Es ist ganz normal, wenn man sich schlecht und verzweifelt fühlt und die Stimmung schwankt. „Wer unglücklich in der Liebe ist oder unzufrieden im Beruf und wer vor schwierigen Entscheidungen steht, dreht sich häufig im Kreis, ist gefangen, bedrückt und mag sich an nichts freuen, deswegen ist er aber noch nicht depressiv“, meint Giger-Bütler Diese Zustände seien emotionale Verstimmungen und es gäbe viele Bezeichnungen, um die verschiedenen negativen Gefühlszustände zu benennen. Wenn jemand traurig, niedergeschlagen oder bedrückt, heißt das noch lange nicht, dass jemand depressiv ist. Man sollte deshalb den Überbegriff und das Etikett „Depressiv“ mit Vorsicht verwenden.

Aufgrund seiner langjährigen therapeutischen Erfahrung hat J. Giger-Bütler seine Auffassung von Depression gebildet. „Menschen sind depressiv, die ihr Leben lang geleitet sind, das zu machen, was andere von ihnen erwarten, die immer auf die anderen ausgerichtet sind, die sich zurückstellen, sich übergehen, sich nicht spüren und ernst nehmen, die ständig im Gefühl leben, etwas machen zu müssen (…) Entscheidend für die Depression sind daher Gefühle sich immer nur verpflichtet zu fühlen, nie frei zu sein, immer fremdgesteuert und nie selber entscheiden zu können. Es fehlt diesen Menschen das Grundvertrauen in sich und das Leben, ebenso der feste Boden und der sichere Halt in dieser Welt. Sie fühlen sich heimatlos, überfordert und permanent erschöpft.

 

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„Lebe mutig und neugierig“

Die Münchner Philosophin Rebekka gibt in ihrem neuen Buch „Würde Platon Prada tragen?“ Einblicke in die alltäglichen seelischen Nöte der modernen Überfrau

Wer ein oder gar mehrere Probleme mit anderen, mit der Welt und mit sich hat, dreht sich oftmals grübelnd und ratlos im Kreise. Er weiß oder erkennt „Guter Rat ist teuer“, zumindest, wenn er irgendwann reu- oder demütig den Gang zum Psychotherapeuten antritt. Doch dem muss nicht immer so sein. Denn auch Philosophen, wie Epikur (über das Glück), Marc Aurel oder Nietzsche haben sich seit jeher mit den Ängsten, menschlichen Unvollkommenheiten und Schwächen auseinandergesetzt und ungefragt und kostenfrei sich zu Fragen der Lebenskunst geäußert. Auch die Philosophin Rebekka Reinhard folgt dieser Tradition und gibt zum dritten Mal in Folge in Buchform ihre Lebenseinsichten und -erkenntnisse preis, die sie als philosophische Beraterin in eigener Praxis in München gewinnt. Nach ihren ersten zwei Büchern die „Sinn-Diät“ sowie „Odysseus oder die Kunst des Irrens“ erscheint nun das hübsche 130 Seiten umfassende Bändchen „Würde Platon Prada tragen?“ –  ein vergnügliches Wortmachwerk, das man am besten als zuverlässige Ratgeberquelle stets in der Tasche bei sich trägt oder zuhause an einer häufig heimgesuchten Stelle platziert. Mit seinen über 50 ein- bis zweiseitigen Kolumnen bietet die 38 Jahre junge moderne Münchner Philosophin Unterhaltung auf hohem Niveau. Auf leichtfüßige Weise lässt sich die Autorin Reinhard sowohl über Tugenden als auch über allerlei alltägliche Frauen- oder Gesellschaftsthemen aus. Kurz und bündig, ja oft einsilbig sind sie tituliert. „Stil“,  „Neid“,  „Schuhe“ „Schönheit“ und „Mode“ „Eitelkeit“ oder „Staunen“ lauten etwa die Überschriften. Als Auftakt ist den Titeln ein locker und heiter klingendes „Apropos“ vorangestellt. Denn lässig lebt´s sich viel besser. Und mit Selbstdistanz eben auch! Augenzwinkernd und versöhnlich, eher mit- als besserwisserisch hält Reinhard der wohlstandsverwöhnten und -geplagten Frau einen Spiegel vor, indem sie ihren übertriebenen Perfektionismus und  ihre verdrehte Denkweise und Einstellung am Beispiel alltäglicher Szenen aufzeigt. Das zentrale Motiv, so Reinhard, sei die moderne Überfrau: ihr Kontrollbedürfnis, ihr Hang zum Vergleichen, ihr ewiges Ringen um Selbstwertgefühl – all dies sind Themen dieser fein geschliffenen schriftstellerischen Texte. Doch auch wenn jede Kolumne elegant und leicht verpackt daher kommt, ihr Inhalt wiegt schwerer als es auf den ersten Blick scheint. Sie wirken langsam, nach und nach. Grund dafür ist der jeweilige Aphorismus eines großen Philosophen, in denen die Beobachtungen und Betrachtungen der Münchner Philosophin stets gipfeln. bewusster leben traf die quirlige Lebenskünstlerin und philosophische Beraterin standesgemäß im Literaturhaus Oskar Maria in München und führte mit der klugen Schönen ein spannendes und nachhaltig bewegendes Gespräch über Narzissmus und Selbstverliebtheit und wie man dennoch auch heute Ethik entwickeln kann.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, philosophische Kolumnen zu schreiben?

Rebekka Reinhard Ich finde es interessant, im Alltag Beobachtungen anzustellen und die kleinen psychologischen Dynamiken darin zu erkennen und darüber zu schreiben. Neben der Arbeit in meiner eigenen Praxis bin ich auch noch im klinischen Bereich tätig, wo ich regelmäßig mit Depressions- und Krebspatienten spreche – das schärft natürlich die Wahrnehmung. Den Lesern meiner Texte möchte ich helfen, eine liebvolle kritische Distanz zur Familie, den Kindern, der Mutter, dem Partner, den Freundinnen – und vor allem auch zu sich selbst herzustellen.

Und warum haben Sie als Textform die Kolumne gewählt? Das ist ja nicht unbedingt eine adäquate philosophische Form.

Rebekka Reinhard: Ich bin eine Freundin der kurzen angelsächsischen Form, die tiefschürfendes Gedankengut und Unterhaltung kombiniert. Bei uns in Deutschland hingegen wird Literatur oder Wissenschaft entweder als high oder low bewertet. Doch das ist Unsinn. Eines meiner weiteren literarischen Vorbilder ist der französische Schriftsteller La Rochefoucauld, der in Frankreich für seine kleinen aphoristischen Texte bekannt ist und die feine Gesellschaft des 17ten Jahrhunderts karikiert hat.

Und Sie karikieren die moderne Überfrau unserer Gesellschaft? Ist sie denn so lächerlich?

Rebekka Reinhard: Durchaus nicht. Sie ist nur allzu menschlich! Fast jede Frau, die heute mitten im Leben steht, die den Erwartungen ihres Umfelds und ihren eigenen Ansprüchen zu gleichen Teilen gerecht zu werden versucht, stellt ja irgendwie eine solche Überfrau dar. Problematisch wird es dann, wenn das ‚Überfrau-Syndrom‘ ein Zuviel an Eitelkeit und Selbstverliebtheit mit sich bringt – typische Erscheinungen und Folgen der metaphysischen Obdachlosigkeit unserer Zeit.

Was verstehen Sie denn unter metaphysischer Obdachlosigkeit?

Rebekka Reinhard:  An Gott glauben wir nicht mehr, also suchen wir den Sinn in der Vergötterung unseres Selbst. Diese Form der Ego-Zentrierung ist aber leider ein sicherer Weg, um völlig beziehungslos zu werden.

Was würden Sie einem spirituell orientierungslosen selbstverliebten Menschen raten?

Rebekka Reinhard: „Lebe mutig und neugierig“, ist eine meiner Botschaften. Auch ist es erstrebenswert, nicht den Konventionen zu folgen, sondern vom Urteil anderer wegzukommen und Souveränität anzustreben, ohne seine Mitmenschlichkeit zu verlieren. Dafür ist es wichtig, einen Ethos zu entwickeln, eine gleichmäßige innere Haltung, die von äußeren Umständen relativ unabhängig ist. Für die alten Griechen war ein solcher Ethos der sicherste Weg zu einem erfüllten, sinnvollen Leben. Mich fasziniert auch die griechische Idee, das ganze Leben als Kunstwerk zu sehen, das man selbst gestaltet.

Was ist für Sie ein gelungenes Leben?

Rebekka Reinhard: Ein Leben, das Liebe gibt, weil man Liebe schenkt! Und wenn es einem gelingt, das Leben ein wenig weiser zu verlassen, als man es betreten hat…

Das weibliche Herz tickt anders. Bei schwerer emotionaler Belastung kann es sich verformen.

Frauenherzen können brechen

Herzerkrankungen werden bei Frauen oft nicht erkannt. Denn das weibliche Herz stellt die Medizin vor viele Rätsel. Es tickt und leidet anders als das Männerherz – und kann bei seelischem Schmerz tatsächlich brechen.

Viele Frauen meinen auch heute noch, dass Herzinfarkt reine Männersache sei. Ein Irrglaube. Wie die aktuellen Zahlen der deutschen Herzstiftung belegen, sterben Frauen inzwischen sogar häufiger an Herzerkrankungen als Männer. Dafür gibt es gleich mehrere Gründe. Frauen haben bedauerlicherweise die schlechten, sprich gesundheitsschädigenden Gewohnheiten der Männer übernommen. Sie rauchen, ernähren sich ungesund, und bewegen sich viel zu wenig. Die Folge sind Bluthochdruck und hohe Cholesterinwerte, die in der Folge zu Kalkablagerungen und somit zu einer Verengung der Herzkranzgefäße führen. Übergewicht und Diabetes tun ihr übriges. Aufgrund der chronischen Doppelbelastung in Beruf und Familie sind sie häufig besonders gestresst; diese psychosozialen Faktoren treiben wiederum den Blutdruck in die Höhe und führen zu einem ungesunden Lebensstil. All diese Risikofaktoren wirken sich auf das Frauenherz weitaus fataler als bei Männern aus. Vor allem Nikotin ist pures Gift für das weibliche Herz. Wenn Raucherinnen auch noch die Antibabypille nehmen, erleiden sie immer öfter schon im mittleren Alter zwischen 40 und 50 Jahren einen Infarkt, obwohl sie eigentlich bis zu den Wechseljahren durch das Hormon „Östrogen“ gut vor einer Verengung der Herzkranzgefäße, sprich vor einer koronaren Herzkrankheit (KHK) geschützt sind. Nach den Wechseljahren nimmt das Herzinfarktrisiko bei Frauen rasant zu. Deshalb ist es wichtig, dass Frauen ab Mitte Fünfzig auf ihren Blutdruck achten, weil dieser nach der Menopause sehr schnell ansteigen kann.

Frauen spielen Beschwerden herunter

Obwohl in den letzten 30 Jahren die Zahl der Frauen, die an einem Herzleiden erkranken, angestiegen ist, wiegen sich die meisten Frauen in trügerischer Sicherheit. Tatsächlich scheinen die meisten schlichtweg nicht damit zu rechnen. Weitaus mehr fürchten sie sich davor, Krebs, insbesondere Brustkrebs zu bekommen. Dabei sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen, nicht aber Krebs bei deutschen Frauen die führende Todesursache. Beschwerden, die auf Herzprobleme hinweisen, führen sie regelmäßig auf andere Ursachen zurück. Zudem nehmen sie diese selbst meist nicht besonders ernst. „Frauen suchen zwar in der Regel schneller den Arzt auf, aber zugleich neigen sie dazu, beim Arztbesuch ihre Beschwerden eher herunterzuspielen“, schreibt der Arzt Dr. med. Mohsen Radjai in seinem aktuellen Buch „ Bleiben Sie herzgesund“. Außerdem traurig aber wahr: Aufgrund der diffusen Beschwerden erkennt er aber die Durchblutungsstörung am Herzen nicht. „Zudem finden sich im Herzkatheter regelmäßig keine Verengung und Verkalkung der großen Herzkranzgefäße“, so der Arzt. Denn bei ihnen sind im Gegensatz zum anderen Geschlecht oftmals die kleinen, haarfein verästelten, tief in das Herz hineinreichenden koronaren Gefäße betroffen. „Verengungen sind in diesen Gefäßen mit bildgebenden Verfahren nicht diagnostizierbar. Diese Haargefäße kann man nicht mit einem Katheter, sondern nur medikamentös-symptomatisch behandeln“, erklärt Herzexperte Radjai.

Das gebrochene Herz gibt es wirklich, aber fast nur bei Frauen

Großer seelischer Stress und Kummer können den Frauenherzen stärker zusetzen als Männern. Japanische Mediziner beobachteten schon vor rund zwanzig Jahren ein Leiden, das vorwiegend bei Frauen im Alter von 65 bis 75 Jahren auftritt. In der westlichen Medizin ist es als „Broken-Heart-Syndrom“ bekannt. Die Symptome ähneln einem Herzinfarkt und treten meist nach sehr einschneidenden emotionalen Belastungen auf, etwa nach einer Trennung, Kontaktabbruch oder dem Tod eines geliebten Menschen. Auch die Mitteilung, selber an einer schweren unheilbaren Erkrankung zu leiden, kann Symptome hervorrufen, die einem Scheininfarkt gleichen, aber nicht weniger dramatisch wie ein echter verläuft. Nach dem Schock werden Stresshormone wie Adrenalin und Noradrenalin freigesetzt und lösen eine Herzmuskelversteifung aus. Der gelähmte Muskel pumpt kaum noch und bläht sich an der Spitze wie ein Ballon auf. Das Herz verformt sich regelrecht. Die gute Nachricht: Im Unterschied zum Herzinfarkt funktioniert die Herzdurchblutung, so dass in den meisten Fällen die Erkrankung nicht tödlich ist. Sie muss aber sofort intensimedizinisch behandelt werden. „Derzeit gibt es keine klassischen Diagnostikkriterien, die das sogenannte „Broken Heart Syndrom“ klinisch beweisen“, erklärt der Internist Radjai. An der Medizinischen Hochschule Hannover arbeitet man jedoch an der Erstellung eines Bioparameters. Sofern es den Wissenschaftlern gelingt in ihren Versuchsreihen, den Biomarker „Mikro RNA“ nachzuweisen, muss als nächstes überprüft werden, wie valide und sensitiv dieser Marker ist. „Und das kann noch dauern, so Radjai.

Frauen vertragen Medikamente nicht so gut

Wenn eine koronare Herzerkrankung oder auch Herzinsuffizienz zu spät erkannt wird, kommt man dennoch meist nicht mehr an einer schulmedizinischen medikamentösen Behandlung vorbei. In der Regel werden Beta Blocker verordnet, die das Herz vor überstarker Belastung schützen. Sie verlangsamen den Puls und verringern den Sauerstoffverbrauch. Dabei erhält eine zierliche Frau zur Behandlung nach einem Herzinfarkt dieselbe Dosis eines Medikaments wie ein 100 Kilo schwerer Mann. Der Grund: Frauen nehmen an Zulassungsstudien selten teil. Dabei ist längst bekannt, dass Frauen auf Medikamente anders und stärker reagieren. So wirken bei Frauen die Inhaltsstoffe der Beta-Blocker länger und intensiver, weil ihre Leber sie nur langsam abbaut. Häufig treten bei ihnen Nebenwirkungen auf.

Wie Frauen Ihr Herz schützen können

Mit einem gesunden Lebensstil kann man viel für seine Herzgesundheit tun. Optimal ist es, drei Mal in der Woche 30 Minuten Ausdauersport zu treiben. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfiehlt sogar fünf Mal wöchentlich ein Herz-Kreislauftraining von jeweils einer halben Stunde. Puls und Atmung dürfen dabei soweit beschleunigt sein, dass man noch gerade sprechen kann. Sinnvoll ist es auch, den Salzkonsum zu reduzieren und nicht mehr als fünf Gramm täglich zu sich zu nehmen. Es empfiehlt sich, sein Geld frühzeitig in hochwertige frische Lebensmittel zu investieren anstatt in teure Nahrungsergänzungsmittel, so Radjai. Ein isoliert eingenommenes Vitamin oder Mineral kann niemals im Organismus dieselben komplexen Reaktionen im Körper auslösen wie der in einer frischen Paprika oder einem Apfel enthaltene Nährstoff-Cocktail. Zusätzlich kann man einer Arteriosklerose und hohen Cholesterinwerten mit dem Verzehr von Seefisch vorbeugen. Radjai empfiehlt zwei Mal wöchentlich Seefisch zu essen, da sich der Verzehr positiv auf den Fettstoffwechsel und somit auf die Blutfettwerte auswirkt. Auch kaltgepresstes Pflanzenöl, allen voran Olivenöl, wie überhaupt eine traditionell mediterrane Kost, wirken sich nachweislich positiv aufs Herz aus.

Kaliummangel kann Ursache von Herzrhythmusstörung sein

Sofern Frauen an einer Herzerkrankung leiden, rät die Deutsche Herzstiftung Betroffenen regelmäßig ihren Kalium- und Magnesiumspiegel kontrollieren zu lassen. „Denn zu niedrige Werte im Blut können Herzrhythmusstörungen auslösen, die den Herzmuskel je nach Vorerkrankung teilweise deutlich schwächen“, heißt es in einer Pressemitteilung der deutschen Herzstiftung. Allerdings rät der Verein auch davon ab, präventiv regelmäßig Kalium und Magnesium einzunehmen, wenn kein Mangel nachgewiesen wurde. Grundsätzlich sollten Kalium- und Magnesiumpräparate nur zum Einsatz kommen, wenn die Blutwerte auch tatsächlich Anlass dafür geben. Man kann also nicht mit der Einnahme von Kalium einer Herzerkrankung einfach vorbeugen. „Zu viel Kalium kann sogar schädlich sein“, so Radjai „deren Einnahme kann bei vorgeschädigten Nieren sogar zu Herzrhythmusstörungen führen“.

Deutsche Herzstiftung e.V. www.herzstiftung.de

Worauf Frauen für einen besseren Schutz vor Herzinfarkt besonders achten sollten, erläutert der neue Experten-Ratgeber der Deutschen Herzstiftung „Herz in Gefahr“. Sie können ihn unter www.herzstiftung.de/KHK-sonderband.html oder telefonisch unter 069 955128-400 anfordern.

 

Enders im Labor

Darm ohne Scham

Fast jeder vierte Deutsche leidet regelmäßig an Verdauungs- und Darmproblemen. Sanieren, reinigen oder die Darmflora aufbauen, raten viele. Doch was tut dem endlos langen Rohr wirklich gut?

Über den Darm, seine seltsamen Bekundungen und sonderbaren Ausscheidungen zu reden, ist den meisten Menschen einfach nur peinlich. Doch der Verdauungstrakt scheint viele Menschen insgeheim zu faszinieren. 700.000 Mal wanderte die Buchneuheit „Darm mit Charme“ über den Ladentisch. Für Giulia Enders, die junge Autorin des erfolgreichen Frühjahrstitels, ist der Darm ein völliges Ausnahme-Organ.

Geradezu mitreißend berichtet die 24-jährige von den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen in einer Sprache, die Medizin endlich mal greifbar macht. Unser „Verdauungsrohr“, wie sie den Darm salopp bezeichnet, bilde zum Beispiel nicht nur zwei Drittel des Immunsystems, sondern produziere auch mehr als 20 Hormone. Bis heute ist der Darm ein weitgehend unerforschtes Terrain und werde von der Forschung geradezu stiefmütterlich behandelt, beklagt Enders.

 

 

Der Darm gibt den Menschen bis heute Rätsel auf

Das ist in der Tat schwer zu verstehen, entscheidet doch kaum eine Organfunktion so spürbar über unser alltägliches

Wohlbefinden wie der Darm, sprich unsere Verdauung. Und um die ist es des Öfteren nicht gut bestellt. Jeder vierte Deutsche leidet regelmäßig

unter Verdauungsbeschwerden. „Häufig kann man keine organische Ursache finden, 20 bis 30 Prozent meiner Patienten, die wegen Darmbeschwerden kommen, haben nur funktionelle Beschwerden“, erklärt der Gastroenterologe Professor Dr. med. Roman Huber, Leiter des Unizentrums für Naturheilkunde der Universität Freiburg. In all diesen ungeklärten Fällen spricht die Medizin von Reizdarm-Syndrom, Colon irritable genannt.

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