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Burnout erkennen, behandeln und besiegen

Vier Paar Hände halten rotes Schild mit Aufdruck: Burnout.

Burnout-Syndrom: das neue Volksleiden einer gestressten und gehetzten Gesellschaft

Immer mehr Deutsche fühlen sich gestresst: Mediziner sehen darin die Hauptursache für das Entstehen des Burnout-Syndroms. Fast jeder kann in diesen Risikozustand geraten, der Körper und Seele enorm zusetzt. Erste Anzeichen sollte man deshalb ernst nehmen

Was ist Burnout?

Kraftlos, erschöpft und niedergeschlagen: immer mehr Menschen suchen den Arzt auf, weil sie den beruflichen Anforderungen nicht mehr gewachsen sind und ihren Alltag kaum noch bewältigen können. Dem Gesundheitsreport 2016 des BKK Dachverbandes zufolge, ist die Zahl der Krankheitstage durch Burnout seit 2005 bis 2015 um fast 700 Prozent gestiegen. In die Statistik fließen die Krankheitstage aller 76 BKK-Mitglieder ein.

Diesen Trend kann Cornelia Weickert-Schwiertz, eine von drei Allgemeinmedizinerinnen der hausärztlichen Praxisgemeinschaft in Hamburg Altona bestätigen. In den letzten Jahren hat auch in ihrer Praxis die Zahl der Patienten mit Psychodiagnosen deutlich zugenommen. Immer häufiger attestiert die Ärztin eine psychovegetative Erschöpfung. Diese Erkrankung ist im ICD 10, einer internationalen Klassifikation von Krankheiten erfasst. Um mit der Krankenkasse abrechnen zu können, muss die Ärztin den Code F 48 angeben. Darunter findet man die neurotischen Störungen. Sehr häufig sei damit das Burnout-Syndrom gemeint, erklärt die erfahrene Hausärztin. Da jedoch das „Ausgebranntsein“ bis heute nicht als Krankheit anerkannt ist, sondern lediglich als nicht behandlungswürdiger Risikozustand gilt, können Ärzte wie Weickert-Schwiertz diese Diagnose nicht stellen…..

Wenn Sie mehr lesen wollen, gehen Sie auf die Web-Site: http://www.phytodoc.de/erkrankungen/psyche-burnout

Im Reich der Tiefe

Mit einem einzigen Atemzug 100 Meter tief zu tauchen, ist für die meisten Menschen eine beängstigende Vorstellung. Und auch der Wissenschaft gibt es Rätsel auf, wieso Freediver die tiefen Tauchgänge überleben. Wir haben mit Sara Campbell, der vierfachen Weltrekordlerin im Freediving gesprochen und etwas Licht ins Dunkel gebracht. Sie verriet dem neuen Achtsamkeitsmagazin moment by moment, dass Meditation für das Tieftauchen ein wichtiger Schlüssel ist.

Ein letzter tiefer Atemzug, dann klappt Saras Oberkörper nach vorne und sie taucht kopfüber in das Meer. Ihre Arme, zielgerade nach unten gestreckt, bewegt sie nicht. Nur die meerjungfräuliche Monoflosse an ihren Füßen pendelt wie ein Metronom hin und her und initiiert die Wellen, die ihren Körper rhythmisch von unten nach oben durchlaufen. Scheinbar mühelos gleitet sie Meter um Meter am Sicherungsseil in den Atlantik hinab. Ab einer Tiefe von 10 bis 15 Metern beginnt sie, der Erdanziehung zum Trotz anmutig und leicht durch den Ozean zu schweben. Dann beginnt sie, schneller zu sinken. Während sie allmählich in der totalen Finsternis des Ozeans verschwindet, steigt keine einzige Luftblase nach oben. Ganz offenkundig geschieht hier etwas, was mit dem vielzitierten gesunden Menschenverstand nicht so recht zu verstehen ist.

Nach drei Minuten und 34 Sekunden taucht die britische Freediverin wieder an der Wasseroberfläche auf. Nach kurzer Zeit steht das Ergebnis fest. 96 Meter tief ist sie getaucht und hat somit abermals einen Weltrekord-Titel im Apnoetauchen, wie die wissenschaftliche Bezeichnung für das Tauchen ohne Pressluftflasche heißt, geholt – und zwar in der Königsdisziplin „Konstantes Gewicht mit Flosse“.

Es sind bislang nur zwei Frauen 100 Meter tief getaucht!

Das war 2009 vor den Bahamas. Noch heute kann man auf Youtube ein Video ihres legendären Tauchgangs sehen. 2010 hatte Sara den Weltrekord-Titel an die Russin Natalia Molchanowa wieder abgeben müssen, nachdem ihre Freediving-Kollegin im ägyptischen Scharm al Scheich in 3 Minuten 50 Sekunden 101 Meter in die Tiefe getaucht war. Ein Jahr später gelang es Sara Campbell, bei einem Trainings-tauchgang sogar in eine Tiefe von 104 Meter hinabzusteigen. Somit sind Sara und Natalia die beiden einzigen Frauen, die jemals mehr als 100 Meter tief tauchten. Einen weiteren offiziellen Versuch, Natalias Rekord zu brechen, hat Sara Campbell seither nicht mehr unternommen. Vielleicht auch, weil die 44-jährige Russin Molchanowa 2015 vor der spanischen Insel Formentera von einem Trainings-tauchgang nicht mehr zurückkehrte. Der Ozean hatte die weltbeste Apnoetaucherin einfach verschluckt. Bis heute ist nicht geklärt, wie es dazu kommen konnte. Kritiker, die das Apnoetauchen für eine riskante und unberechenbare Sportart halten, fühlten sich bestätigt.

Freitauchen gibt der Wissenschaft Rätsel auf

Noch vor wenigen Jahren hielt auch die Wissenschaft es für unmöglich, dass Menschen in einer derartigen Tiefe überleben können. Forscher gingen davon aus, dass der Körper ab einer gewissen Tiefe einfach implodieren würde. Sara kennt die extremen Auswirkungen beim Apnoetauchen. „Alle zehn Meter verdoppelt sich der Druck. In einer Tiefe von 90 Metern habe ich statt 3,7 nur noch 0,3 Liter Atemluft, das ist weniger als ein Zehntel. Und der Pulsschlag verringert sich auf 20 bis 30 Schläge die Minute“, berichtet sie. Doch alle sieben Freediver-Disziplinen seien entgegen aller Vermutungen sehr sicher, sofern die Apnoetaucher die Sicherheitsregeln beachteten und sich professionell verhielten.

Beim Tauchen muss man sich dem Wasser voll anvertrauen

Freediving ist für Sara Campbell keine riskante, adrenalinsteigernde Sportart, sondern vielmehr eine spirituelle Erfahrung. „Wir können darauf vertrauen, dass es natürlich ist, in die Tiefe zu tauchen. Jeder Mensch verfügt über einen natürlichen Tauchreflex, den kann man aber nur aktivieren, wenn der Verstand zur Ruhe kommt und man stattdessen seine Intuition erhöht“, erläutert Sara. Erst dann könne man damit beginnen, den Verstand, der oft von inneren negativen Antreibern beeinflusst werde, zu transformieren. „Ich konnte nur deshalb 104 Meter tief tauchen, weil meine Seele meinen Verstand leitete und dieser wiederum meinen Körper dirigierte“, sagt die vierfache Weltrekordlerin.

In ihrer ägyptischen Wahlheimat Dahab, wo sie Anfänger und professionelle Sportler im Freediving unterrichtet, versucht sie, dieses intuitive Wissen an ihre Schüler weiterzugeben. Viele seien unglaublich ehrgeizig und begierig darauf, möglichst schnell die Technik zu erlernen. „Die meisten sind enttäuscht, wenn ich ihnen erkläre, dass Freediving weniger mit Technik zu tun. Es ist vielmehr eine Philosophie“. Eine der ersten Lektionen, die sie deshalb ihren Schülern erteilt, ist zu lernen, sich vom Wasser treiben zu lassen. Dazu müssen sie sich mit dem Rücken flach auf das Wasser legen und dürfen nur einen Finger auf eine Boje legen. „So erleben sie, dass der Ozean der Lehrer ist, der ihnen zeigt, wie man sich verhalten soll und sie sich ihm anvertrauen können. „Der Tauchgang ist vor allem dann beglückend, wenn man total loslassen kann und sich dem Augenblick komplett hingibt. Das ist purer Genuss“, schwärmt die 44-Jährige. Angst, Atemnot zu erleiden oder in Panik zu verfallen, kenne sie nicht. Ganz im Gegenteil. Den Atem unter Wasser lange anzuhalten, mache sie wirklich glücklich.

„Freediving ist Meditation unter Wasser“, schwärmt Sara Campbell

„Letztlich geht es beim Tauchen in großer Tiefe nicht um Erfolg und Leistung“, erklärt Sara. Sie sei nicht besonders interessiert am Wettbewerb. Was sie in die Tiefe des Ozeans zieht, sei vielmehr die Möglichkeit der spirituellen Erfahrung. Tieftauchen sei für sie nichts anderes als Meditation unter Wasser. Bevor Sara mit dem Freediving begann und nach nur neun Monaten Trainingszeit 2007 drei Weltrekord-Titel holte und 2007 erstmals die Weltmeisterschaft gewann, hatte die frühere PR-Beraterin viele Jahre lang intensiv Meditation und Yoga gelehrt. Eine ihrer Yoga-Schülerinnen, die auch Freediverin war, hatte beobachtet, dass Sara ihren Atem sehr lange anhalten konnte. Immer wieder bat sie ihre Yogalehrerin, sie beim Freediving zu begleiten und zu sichern. Schließlich willigte Sara ein und besuchte den Anfängerkurs im Freediving. Wider Erwarten fand Sara beim Freediving genau das, wonach sie ihr ganzes Leben lang gesucht hatte: die spontane Verbundenheit mit dem Universum und Gott, wie sie sagt: „Das ist der Moment, an dem man sich wieder unschuldig und rein fühlt“.

Achtsamkeit ist beim Tauchen oberstes Gebot

Meditation ist ein sehr geeignetes Mittel, um die Intuition zu fördern und ganz bei sich selbst zu sein. Diese Fähigkeit sei gerade beim Tauchen lebenswichtig, denn dabei müsse man jeden einzelnen Moment voll bewusst erleben und fokussiert sein, so Sara. Jeder Tauchgang entfalte sich von Moment zu Moment. „Ich muss mich in jeder Sekunde voll auf den physischen Prozess konzentrieren, so schaffe ich die beste Voraussetzung für die nächste Sekunde. Jeder einzelne Moment kann über Erfolg oder Misserfolg entscheiden. Weder beim Ab- noch beim Auftauchen, darf ich deshalb in keinem Augenblick die Präsenz verlieren. Dabei werde ich jeden Moment mit mir selbst konfrontiert, denn ich kann die Verantwortung an niemanden delegieren. So gesehen, haben wir beim Tieftauchen die einzigartige Möglichkeit, uns selbst in aller Wahrhaftigkeit zu begegnen“.

Weitere Infos unter:

www.discoveryourdepths.com

www.yogaforfreediving.com

Charakterkunde: „Ich bin auch immer der andere“

Die Philosophin Ariadne von Schirach beschreibt in ihrem neuen Buch „Ich und Du und Müllers Kuh“ die emotionale Grundstruktur und den kommunikativen Stil von sechs menschlichen Charakteren. Dabei lernt man nicht nur, andere besser zu verstehen, sondern „kommt sich gelegentlich auch selber auf die Schliche“.

Inge Behrens: Wie sind Sie auf den Titel „Ich und Du und Müllers Kuh“ verfallen?

von Schirach: Man kann das Buch als Nachdenken über verschiedene Beziehungen verstehen, also den Umgang mit sich, dem Anderen und der Welt. Diese drei Ebenen spiegeln sich auch in diesem alten Abzählreim. „Ich und Du und Müllers Kuh; Müllers Esel der bist Du“. Wir sind alle mal bei uns, mal ganz anders und immer mal wieder: Müllers Kuh oder Esel.

IB: An wen richtet sich Ihr Buch und was ist die Intention Ihres Buches?

von Schirach: Jeder Mensch ist eine Gesellschaft, sagt Sigmund Freud. In der Charakterkunde geht es deshalb nicht darum, sich und andere in Schubladen zu stecken, sondern darum, den vielen widersprüchlichen Impulsen und Stimmen in sich Raum und Gestalt zu geben. Und dadurch letztlich nicht nur sich, sondern auch seine Mitmenschen besser zu verstehen.

IB: Warum haben Sie als studierte Philosophin ein psychologisches Buch über die sechs Hauptcharaktere geschrieben?

Ariadne von Schirach: „Erkenne dich selbst“ stand über dem Orakel von Delphi und war das Credo von Sokrates. Wenn wir die Welt, unsere Gesellschaft und unsere Mitmenschen verstehen wollen, müssen wir bei uns selbst anfangen. Und dort finden wir immer das Gleiche. Widersprüche und Ambivalenzen, das vielstimmige Konzert unserer Lebendigkeit.

„Ich bin auch immer der andere“

 IB: Sie schreiben, dass Sie diese Charaktertypen als Gestalten, gewissermaßen als Figuren sehen. Können Sie bestimmte Filmfiguren oder bekannten Personen ihren sechs Typen zuordnen?

von Schirach: Dieser Versuchung würde ich, was die realen Vorbilder angeht, gerne widerstehen, obwohl man mit Donald Trump gerade einen Vollblutnarzissten in action beobachten kann. Aber blicken wir mal ins Fiktionale: Der einsame Wolf beispielsweise in Gestalt von Batman ist eher schizoid, gnadenlose Bürokraten wie Stromberg tragen zwanghafte Züge. Bei Sherlock Holmes ist Watson ein Depressiver, während Holmes ein Schizoider ist. Man könnte allerdings darüber sprechen, ob dieser nicht auf schon narzisstische Weise das Bild des unfehlbaren Detektives bedient. Obwohl es verführerisch ist, seine Mitmenschen zuzuordnen, sollte man sich bewusst sein, dass nur der Blick nach innen zu echtem Verständnis und damit auch zu mehr Toleranz und einem liebevolleren Umgang führt. Man selbst ist eben auch so einer. In jedem Menschen sind alle Strukturen angelegt, deshalb können wir uns tatsächlich verstehen. Jeder hat schon mal die Kontrolle verloren, tiefe Unsicherheit gespürt oder ist schon einmal strahlender Mittelpunkt von irgendwas gewesen, wie es der Hysteriker so kindisch einfordert, und jeder stand schon mal traurig im Abseits, wo sich der Depressive verordnen würde.

IB: Hinter allen Charakterformen stecke Leid, schreiben Sie in Ihrem Buch. Diese Einsicht sei die Voraussetzung, um sich mit Menschen zu solidarisieren und sie überhaupt verstehen zu wollen. Müssen wir uns auch mit Menschen, die wir unsympathisch finden, solidarisieren?

von Schirach: Wir Menschen wachsen am Widerstand, und finden oft erst über dem Umweg des Anderen zu uns selbst. Zudem ist meist das, worauf man besonders allergisch ist, etwas, das man über sich selbst nicht wissen will. Eigener menschlicher Fortschritt zeigt sich ebenfalls meist als wachsende Toleranz „schwierigen“ Mitmenschen gegenüber. Wenn einen nichts mehr stört, ist man angekommen. Bis zur nächsten Krise (lacht).

IB: Wann hört denn Ihr Verständnis für Menschen auf?

von Schirach: „Ich bin ein Mensch, nichts Menschliches ist mir fremd“. Auch dieser Satz beruht auf Selbsterkenntnis – nur wenn ich meine eigene Dunkelheit, also meine Gier, meine Eitelkeit, meine Bequemlichkeit und den ewigen Wunsch, etwas Besseres zu sein, anerkenne, verstehe ich den Anderen, anstatt ihn von oben herab zu beurteilen. Hier, in meiner eigenen Seele, werden auch die ersten und die wichtigsten Schlachten geschlagen, denn Verständnis bedeutet eben nicht Akzeptanz. Es gibt Dinge, die kann man verstehen, aber man darf sie nicht zulassen: weder bei sich noch bei Anderen.

„Verständnis bedeutet eben nicht Akzeptanz“

IB: Zu welchen der sechs Hauptcharaktere würden sie sich denn selber zählen?

von Schirach: Es ist mir wirklich gleichgültig, was andere von mir denken und doch will ich ihnen unbedingt gefallen. Bei mir trifft also schizoide Eigenständigkeit auf hysterische Aufmerksamkeitswünsche. So kann man sich wirklich gründlich im Weg stehen – bis man mal genauer hinschaut. Nur wer seine eigenen, oft eben widersprüchlichen Bedürfnisse kennt und zulässt, kann sie leben. Für mich bedeutet das, dass ich den Schizoiden in mir die Bücher schreiben lasse, den Hysteriker immer mal wieder auf die Bühne ins Rampenlicht schicke und ich dem in meinem Leben lange eher vernachlässigten depressiven, Zeit gebe, um mich für dessen Tugenden zu öffnen: Vertrauen haben, geschehen lassen, lieben lernen.

IB: Und wie geht man am besten mit Ihnen um?

von Schirach: Behandle den anderen stets so, wie du selbst behandelt werden möchtest. Dem ist nicht viel hinzuzufügen.

INFO: Ariadne von Schirach studierte Philosophie in München und Berlin. Sie arbeitet als freie Journalistin und Kritikerin und wurde als Autorin der Sachbuch-Bestseller „Der Tanz um die Lust“ und „Du sollst nicht funktionieren“ bekannt.

 

Die Philosophin Rebekka Reinhard im Gespräch

Bin ich schön?

Die Philosophin Rebekka Reinhard über das gängige Schönheitsideal, die Übermacht
der schönen Bilder und wie es gelingen kann, sich davon frei zu machen.
Und sie weiß, warum ein Museumsbesuch die beste Typberatung sein kann.

Inge Behrens: Frauen neigen dazu, ihr Aussehen auch gegen ihre innere Überzeugung mit den Photoshop-bearbeiteten Bildern junger Models und Schauspielerinnen zu vergleichen. Viele Frauen empfinden sich deshalb als hässlich. Wie können Frauen sich von dieser Übermacht der Bilder befreien?

Rebekka Reinhard: Wir sollten uns erst mal klar machen: Diese Bilder  transportieren keine wertneutrale Wirklichkeit, sondern basieren auf einer raffinierten Marketingstrategie, die uns dazu verführen soll, verstärkt in Kosmetika und Beauty-Behandlungen zu investieren. Die Schönheit einer Frau besteht nie nur in ihrem Äußeren, sondern in dem subtilen Zusammenspiel von Körper, Seele und Geist. Wahre Schönheit ist nicht einfach die Summe irgendwelcher wohlproportionierter Einzelteile. Sie basiert entscheidend auf der Persönlichkeit ihrer Trägerin; sie zeigt sich in bestimmten Gesten oder Blicken einer realen Person, und nicht auf irgendwelchen Hochglanzfotos.

IB: Ein Körper oder ein Gesicht werden heute wie ein kostbarer  Besitz gehandelt. Wie sie schreiben, glauben viele Frauen an die Machbarkeit von Schönheit und betrachten sich damit selbst als ein verbesserungswürdiges Objekt. So manche Frau spricht ja nicht von ungefähr vom eigenen Marktwert. Wie wirken sich solche  Gedanken auf das Selbstwert-Gefühl aus?

Rebekka Reinhard: Eindeutig negativ! Heute gilt Schönheit nicht mehr als  Geschenk der Natur, sondern als Leistung. So nach dem Motto: Wer zeigt, was er  hat, zeigt, was er kann. Das ist fatal. Die übertriebene Beschäftigung mit dem eignen Körper führt ja nur dazu, dass man immer neue Makel entdeckt und immer unzufriedener mit sich wird. Man glaubt, man könne nur dann wirklich glücklich sein, wenn man perfekt wäre. Darüber vergisst man allerdings schnell: Ein glückliches, schönes Leben ist eine Frage der Einstellung, und nicht eineFrage  des Idealgewichts.

IB: Sie sagen; wer sich ständig im Spiegel betrachtet, erhält nur ein unvollständiges Bild seiner eigenen Person. Spiegel seien ziemlich blind. Sollten wir alle Spiegel verhängen oder aus den Umkleidekabinen verbannen?

„Ein glückliches, schönes Leben ist eine Frage der
Einstellung, und nicht eine Frage des Idealgewichts.“

Rebekka Reinhard: Eine Welt ohne Spiegel, das ist eine lustige Vorstellung! Das Problem mit Spiegeln ist, dass sie uns nur immer die Makel zeigen, womöglich einen Pickel auf der Nase; aber nie das, was wir sind: Menschen mit ganz besonderen unverwechselbaren inneren Qualitäten. Daher sind Spiegel auch nicht die besten Moderatgeber. Mein Tipp wäre, mal einen Gang durchs Museum zu wagen und sich von den großartigen Frauen der bildenden Kunst inspirieren zu lassen. Das ist eine wirklich lohnende ‚Typberatung‘!

IB: An welche Frauen der bildenden Kunst denken Sie denn da?

Rebekka Reinhard: ….die Rubensfrauen, Frauendarstellungen von Watteau oder Franz von Stuck –  grundsätzlich alle, die nicht in das Klumsche Beuteschema fallen…

IB: Was macht denn nun eine Frau schön?

Rebekka Reinhard: Ihr Innenleben, das im Laufe der Zeit immer mehr durch die  Oberfläche hindurchscheint. Für mich sind Eros und Charisma Schönheitssignale,  die erst bei reiferen Frauen so richtig zur Geltung kommen. Erst wenn man wirklich viel erlebt, geliebt und erlitten hat, wenn man sich selbst und die Wirren des Lebens so richtig kennengelernt hat, kommt diese spezielle weibliche Ausstrahlung zustande. Eine Frau wird nicht dadurch schön, dass sie ihre Falten in Schach hält – sie wird schön, indem sie Mut zum Leben beweist und auch mal ordentlich auf den Putz haut. 

IB: In Ihrem Buch hinterfragen Sie den derzeit geltenden Klummschen Schönheits-Begriff der westlichen Welt und erklären, dass Frauen, die sich ihrer Schönheit allzu sehr bewusst sind, eigentlich nicht schön sein können. Es fehle diesen Frauen die Nonchalance und die Selbstvergessenheit, um anmutig und graziös zu sein.

Rebekka Reinhard: Die leistungsorientierte, kalkulierte Schönheit hat immer etwas Starres, Verbissenes an sich. Sie ist mehr Rüstung als Zauber. Anmut dagegen entsteht aus Selbstvergessenheit. Das hat nichts mit mangelndem  Selbstwertgefühl zu tun – im Gegenteil. Nur eine wirklich selbstbewusste Frau hat die Größe, sich auch mal ab und zu selbst zu vergessen, indem sie sich mit  Dingen beschäftigt, die wesentlich interessanter sind als die Dellen auf ihren Oberschenkeln und die sie innerlich bereichern. Wie Lesen, Musikhören, Meditieren und andere kontemplative Tätigkeiten, die der Schönheit der Seele sehr zuträglich sind.

 

 

Achtsam bewegen

Rückenprobleme, Gelenkschmerzen und Verspannungen können einem den Spaß an der Bewegung ganz schön verderben. Die Alexander-Technik zeigt, wie man sich optimal bewegt.

Schon das Geschirr im Oberschrank einzuräumen, fällt Maria Reimers schwer. Ihr Tennisarm macht sich dann sofort bemerkbar. Obwohl sie eigentlich sportlich ist und jahrelang Pilates praktiziert und Badminton gespielt hat, vermeidet sie bestimmte Bewegungen. So wie der gelernten 43-Jährigen Medizintechnischen Assistentin geht es vielen Menschen.

Ob Treppen steigen, laufen oder aufstehen, ganz alltägliche Bewegungen empfinden sie als anstrengend oder belastend. Selbst beim Sitzen sind sie, sprich ihre Muskeln nicht mehr richtig entspannt. Wie kommt es dazu, dass die selbstverständliche Leichtigkeit des Seins auf der Lebensstrecke bleibt? „Schon während der Schulzeit verlernen viele, wie sie ihren Körper und ihre Haltemuskulatur den jeweiligen Bewegungsabläufen entsprechend richtig einsetzen“, sagt Anne-Christin Hansen, Schauspielerin und Expertin der Alexander-Technik. Es ist längst allgemein bekannt, dass Bewegungsmangel, falsches Sitzverhalten bei vielen Schulkindern zu Haltungsfehlern führen. Keiner achtet darauf, ob sie ihren Griffel richtig halten oder ob ihr Kopf während des langen Sitzens oder Schreibens noch richtig auf der Wirbelsäule ruht. Anweisungen wie „Sitz gerade“ oder „mach kein Hohlkreuz“ helfen da wenig. „Selbstkorrektur ist wenig zielführend, denn der Betreffende weiß ja gar nicht, wie und mit welchen Mitteln er das machen soll“; erklärt A.-C. Hansen, die sich selbst federleicht durch die Welt zu bewegen scheint. Die Gefahr, dass sich dabei die Fehler sogar verfestigen und sich weitere Fehler einschleichen, ist deshalb groß. Man komme dann ins „doing“, erklärt die quirlige Hansen, aber ihrem Lehrer Alexander, dem Erfinder der gleichnamigen Methode sei es hingegen gerade ums „Non doing“ gegangen.

Nichtstun ist jedoch viel schwieriger als man glaubt. Vor allem bei Stress oder bei Prüfungsangst und anderen emotional und psychisch belastenden Situationen reagieren unsere Nerven und damit unsere Muskeln und unser Körper wie ein Automat, reflexartig. Leicht und schnell kann es dabei geschehen, dass dabei unwillkürlich auch falsche Muskeln angespannt werden. Geschieht dies öfter, können dadurch das innere Balancesystem und somit die natürlichen Bewegungsabläufe nachhaltig gestört werden. Die Haltung verändert sich und die Koordination des Körpers läuft nicht mehr reibungslos ab. Ob nun Tennisarm, Nackenverspannungen oder der immer häufiger diagnostizierte Beckenschiefstand, so gesehen sind viele dieser Beschwerden Folge falscher Bewegungsgewohnheiten.

„Das Richtige geschieht von ganz allein, wenn man mit dem Falschen aufhört“

Dagegen kann man weder mit starren Trainings-Programmen noch mit Yoga- oder Pilates-Übungen etwas ausrichten. Frederick Matthias Alexander (1869 – 1955), Erfinder der gleichnamigen Technik, war überzeugt, dass eine Veränderung die bewusste Wahrnehmung unseres Fühlens und Denkens voraussetzt. Wie das funktioniert, zeigt mir Alexander-Lehrerin Hansen. Während ich auf dem Stuhl sitze, fordert sie mich auf, die Hand meines linken herabhängenden Arms zu einer Faust zu ballen. Automatisch folge ich ihrer Direktive. Nach nur wenigen Sekunden darf ich sie wieder öffnen und soll den Auswirkungen der Anspannung nachspüren. Tatsächlich kann ich sogar bis in den Nacken hinauf die Nachwehen der kurzen Verkrampfung fühlen. Es scheint ewig zu dauern, bis die Muskulatur wieder einigermaßen locker ist. Ich begreife, dass es offensichtlich viel schwerer ist, los zu lassen als reflexartig irgendwelche Muskeln anzuspannen. Wem es gelingt, bei bestimmten Signalen nicht immer automatisch zu reagieren, hat schon einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung getan. „Innehalten“ heißt deshalb eines der Zauberworte Alexanders. Und das sollte man immer dann tun, wenn man merkt, dass bestimmte Gewohnheiten und Muster dazwischen funken. Laut Alexander geschieht das Richtige von ganz allein, wenn man mit dem Falschen aufhört.

 

Eine andere neue Haltung gewinnen

Vor allem die Beziehung von Kopf, Hals und Rumpf war Alexanders Meinung nach für eine gute Koordination aber auch für eine freie Atmung die wichtigste Voraussetzung. Er selber hatte am eigenen Leib zu spüren bekommen, welch verhängnisvolle Kettenreaktion und wie viele Störungen eine nur minimale Verschiebung der Kopfhaltung nach sich ziehen konnte und wie diese die gesamte Körperorganisation durcheinander brachte. Als junger Mann hatte der Australier sich in der Kunst des Rezitierens ausbilden lassen. Da es im 19. Jahrhundert noch keine Lautsprecher gab, mussten die Vortragenden frei und mit kraftvoller Stimme sprechen. Seine Stimme versagte aber immer wieder beim Rezitieren. So sehr er sich auch bemühte, spätestens zum Ende des Vortrags wurde er heiser. Der Arzt, den er konsultierte, diagnostizierte eine Reizung der Schleimhäute in der Kehle und eine Entzündung der Stimmbänder. Er riet seinem Patienten, seine Stimmbänder zu schonen. Trotz Genesung traten die Symptome jedoch wieder auf. Alexander war sicher, dass er etwas mit seiner Stimme tat, was ihr schadete. Da der Arzt keinen Rat mehr wusste, entschied sich der junge Mann, den Grund selbst herauszufinden und begann deshalb vor einem Spiegel sein Verhalten während es Vortrags zu beobachten und zu studieren. Erstaunt stellte er fest, dass er den Kopf ständig nach hinten zog, während er sprach und dabei die Brust nach vorn reckte. Dabei krümmte sich wiederum die Wirbelsäule und verkürzte den unteren Rücken. Die Beine versteiften sich und die Zehen drückte er gegen den Fußboden. Er fand es merkwürdig, dass ihm diese Fehlstellung überhaupt nicht bewusst war. Der Shakespeare Rezitator war sogar davon überzeugt, sich ganz natürlich zu verhalten und zu bewegen. Offensichtlich konnte er sich auf sein subjektives Körpergefühl nicht verlassen.

Vom richtigen Gebrauch des Selbst

Deshalb entwickelte der Australier Methoden (the means whereby), um die natürlichen Bewegungsabläufe zu reaktivieren und neue Reaktionsmöglichkeiten einzuüben. Mit kleinen Berührungsimpulsen, etwa einem Streicheln oder geführten Bewegungen sowie durch verbale Anweisungen zeigt der Lehrer seinem Schüler, wie er seine Bewegungen und Handlungen so verändern kann, dass er mit gut ausbalancierter Muskelspannung, freien Gelenken, freien Atem seinen täglichen Aufgaben und Aktivitäten nachgehen kann. Die Hamburger Lehrerin der Alexander-Technik (AT), Anne-Christine Hansen, hat mich nochmals auf einen Stuhl Platz nehmen lassen. Ich soll selbst erfahren und begreifen, wie sie dabei zu Werke geht. Mit ihren Händen streicht sie mir über die parallel aufgestellten Füße. Dabei gibt sie pausenlos Anweisungen, fordert mich beispielsweise auf, den Boden unter meinen Füßen wahrzunehmen. Fast augenblicklich spüre ich eine Entlastung. Denn ich merke plötzlich, dass die Schwerkraft mich nicht nur hinabzieht, sondern dass ich vom Boden auch getragen werde. Danach richtet sie meine Knie und auch meinen Schultergürtel aus, streicht und drückt immer wieder sehr sanft über bestimmte Körperpartien. Gelegentlich sagt sie, während sie spricht, ganz verrückte Dinge, wie beispielsweise „Ihre Arme stützen Ihre Schultern“ und fügt munter hinzu, dass es ja nicht stimme, dass unsere Schultern immer alles allein tragen müssten. Als ich nach zehn Minuten aufstehen darf, merke ich, wie mein Kopf mühelos auf dem obersten Wirbel schwebt. Beim Gehen stupst sie meine Unterarme an, damit sie locker mitschwingen. Ich beginne zu ahnen, dass man sich auch ohne besonderen Kraftaufwand, ja spielend leicht bewegen kann – ob nun beim Gehen, beim Laufen oder auch beim Sprechen. Es ist gar nicht so schwer: man muss nur lernen, mit sich und seinen eigenen Kräften ökonomisch, bewusst und somit sinnvoll umzugehen.

„Der Erfolg von Sportlern basiert ja zum Großteil auch auf ihrer außerordentlichen Fähigkeit, ihre Muskeln optimal einzusetzen“, erklärt Hansen, die mit Ende 20 auf die Alexander-Technik stieß. Der jungen Schauspielerin gelang es mithilfe dieser Methode schließlich ihr Lampenfieber zu überwinden, unter dem sie bis dahin furchtbar gelitten hatte. „Ich fand es ganz toll, dass ich dank dieser Technik auch in der Bewegung und beim Sprechen in Verbindung bei mir sein und bleiben konnte“, erklärt sie begeistert. Viele Schauspieler praktizieren diese Körperarbeit. Schließlich ist das Instrument des Schauspielers sein Körper und seine Stimme. Die Alexander-Technik hilft ihnen dabei, es zu stimmen, sich zu öffnen und Resonanz zu bewirken. Auch Musiker, Tänzer und Sportler, im Prinzip all jene, für die berufsbedingt ein reibungsloser und optimaler Bewegungsablauf und gute Körperkoordination außerordentlich wichtig sind, gehören zu der Fangemeinde dieser alt ehrwürdigen Methode. Sie hilft ihnen, sich selbst besser wahr zu nehmen und innerlich gelöster zu sein. Mit Meditation hat das übrigens nichts zu tun. Ganz im Gegenteil: „es gehe darum, präsent zu sein, und zwar gleichermaßen bei sich im Innenraum als auch im Außenraum“, so Hansen.

Die Ausbildung ist langwierig

Bevor sie vor vielen Jahren AT-Lehrerin wurde, musste sie 1600 Ausbildungs-Stunden absolvieren. Mittlerweile kann sie auf einige Behandlungserfolge zurückblicken. So berichtet sie von einem Golfer, der nach einigen Sitzungen sein Handicap enorm verbessern konnte. Quasi schlagartig saß jeder Schlag. Ein anderer Klient, der fast nur noch krabbeln konnte, sei heute ein begeisterter Bogenschütze und selbst Lehrer der Alexander-Technik. „Das ist dann wie Wunderheilung“, meint die Lehrerin, die im Nebenberuf auch Sprach- und Stimmtrainerin ist. Nicht immer kommt es zu derart spontanen Veränderungen, meist stellen sie sich nur nach und nach ein.

Die Alexander-Technik konnte vor allem bei der Linderung von Rückenschmerzen große Erfolge verzeichnen. Aber auch bei Schulter- und Nackenschmerzen, Verspannungen aller Art und Gelenkschmerzen kann diese Lernmethode nachweislich helfen. Doch man kann sie auch getrost all jenen empfehlen, die ihre Beweglichkeit, ihre Atmung und ihre Koordination im Alltag verbessern möchten. Also endlich wieder spüren wollen, dass Bewegung Spaß machen kann, selbst wenn man Fenster putzen muss. Oder die einfach mal wieder eine Straße entlang hüpfen wollen. Einfach so!

Chronische Schmerzen überwinden

Beim chronischen Schmerzsyndrom ist es für Patienten schwer, ärztlichen Rat zu finden. Dr. Dominik Irnich blickt bei der Behandlung dieser komplexen Krankheit auf den ganzen Menschen.

Zwei bis drei Millionen Menschen leiden hierzulande am chronischen Schmerzsyndrom, einer eigenständigen Erkrankung, die sich vom ursprünglichen Schmerzereignis abgekoppelt und verselbstständigt hat. Für das Gesundheitsmagazin natürlich gesund und munter sprach die Gesundheits-Journalistin Inge Behrens mit dem erfahrenen Schmerztherapeuten, der sich für ein humanistisches und ganzheitliches Verständnis chronischer Schmerzen einsetzt.

Wann sprechen Sie und Ihre Kollegen von einem chronischen Schmerzsyndrom?

Dr. Irnich: Wenn der Schmerz auf körperlicher Ebene nicht beseitigt werden kann und zu massiven Einschränkungen führt, sodass er Eingang in Beruf, Freizeit und Beziehungen gehalten hat; wenn also die Schmerzen überhand gegenüber dem täglichen Leben nehmen. Menschen, die ihre Schmerzen ohne Alltagseinschränkung im Griff haben, etwa Rheumatiker,
zählen nicht zu den chronischen Schmerzpatienten.

Viele Patienten mit chronischen Schmerzen finden keine adäquate ärztliche Unterstützung. Woran liegt das?                                                                                                                                             

Dr. Irnich: Viele Ärzte betrachten Schmerz monokausal als ein rein biologisches Problem, das man auch nur biologisch behandeln kann. Es erfordert jedoch ein komplexes Denken und Verständnis, das wiederum viel Zeit und Arbeit beansprucht. Und dafür sind die gesundheits- und sozioökonomischen Rahmenbedingungen nicht gegeben.

In Ihrem Buch „Den Rücken heilen“ (Irisiana Verlag) berichten Sie von einem Schmerz-patienten, der erfolglos zahlreiche Ärzte konsultierte und sich fünf Kernspintomografien und einer OP unterzog. Was hätten die Ärzte tun müssen, um der Chronifizierung des Schmerzes vorzubeugen?                                                                          

Dr. Irnich: Bei akuten Schmerzen muss der Arzt gemäß der nationalen Versorgungsleitlinie klären, ob es eine eindeutige körperliche Ursache gibt, die beseitigt werden kann. Er muss ausschließen, ob ein Wirbelbruch, Rückenmarkmetastasen oder etwa ein echter Bandscheibenvorfall mit Lähmung vorliegt. Um das festzustellen, ist eine Befragung und körperliche Untersuchung meist völlig ausreichend. Dazu gehört auch, sich als Arzt ein umfassendes Bild über die psychosoziale Belastungssituation zu machen. Ein Patient mit akuten Schmerzen, der Angst um seinen Arbeitsplatz hat, eine starke Wut in sich trägt oder erschöpft ist, kann leichter an einem chronischen Schmerzsyndrom erkranken. In dem von Ihnen genannten Fall hat sich kein Arzt Zeit für den Menschen genommen, stattdessen wurde radiologische Diagnostik betrieben. Die braucht man jedoch nur, wenn man einen konkreten
Verdacht hat. In 95 Prozent der Fälle sind Rückenschmerzen aber unspezifisch und können nicht auf eindeutige Ursachen zurückgeführt werden. Das heißt, es sind Funktionen gestört, was auch sehr weh tun kann. Aber die Gerätemedizin hilft da bei der Diagnostik nicht.

Welche Bedeutung bei der Chronifizierung von Schmerzen haben Emotionen und seelische Probleme?

Dr. Irnich: Seelische Probleme spielen eine Rolle. Doch ist es wichtig zu verstehen, dass chronischer Schmerz nicht rein psychisch ist. Selbst ein heftiger Seelenschmerz kann zu Funktionsstörungen des Körpers führen und irgendwann sogar seine Struktur verändern. Am Schluss setzt sich der Schmerz immer dorthin, wo der geringste Widerstand ist. Daher kann sich ein chronisches Schmerzsyndrom auch überall im Körper entwickeln. Eine meiner Patientinnen beispielsweise leidet an einem chronischen Gesichtsschmerz. Angefangen hat das, als sie vor zehn Jahren eiskaltes Wasser getrunken hat, was kurz stärkste Zahnschmerzen verursacht hat. Als emotionale Belastungen und Verspannungen hinzukamen, hat sich der Körper beim Zähnepressen an diesen Schmerz erinnert und sich so einen Weg gebahnt, hin zum chronischen
Schmerz. Hat sich der Schmerz einmal den schnellen Zugang ins Gehirn und damit ins Bewusstsein gebahnt, werden über diesen Schmerzweg eben auch persönliche Konflikte,
Emotionen, Belastungen und Überlastungen ausgedrückt.

Gibt es bestimmte Risikofaktoren, die eine Chronifizierung von Schmerzen begünstigen?

Dr. Irnich:Einstellungen und Emotionen wie rigides Durchhalten oder Katastrophisieren und belastende oder unverarbeitete Gefühle wie Ärger, Zorn, Groll können die Muskelspannung erhöhen und das Nervensystem sensibilisieren, was Schmerzen verstärkt. Doch erst das individuelle Zusammenspiel somatischer und psychosozialer Faktoren im biografischen Kontext führt zu einer chronischen Schmerzerkrankung. Innerhalb des Multimodalen Schmerzprogramms arbeiten verschiedene Berufsgruppen fachübergreifend zusammen.

Ist es wichtig zu wissen, welches akute Schmerzereignis dem Schmerzsyndrom vorausging?

Dr. Irnich: Für den Therapieverlauf ist es nicht mehr relevant, ob ein Patient an Ganzkörperschmerzen, Rücken- oder Hüftschmerzen leidet. In der multimodalen Schmerztherapie geht es darum, Lösungen zu finden. So können die Patienten die Selbstregulation und das körpereigene Schmerzhemmsystem trainieren und Strategien entwickeln, um den Schmerz zu überwinden. Dazu werden sie vier Wochen lang
naturheilkundlich, mit Akupunktur, physiotherapeutisch, psychosomatisch, aber auch konventionell, also medikamentös behandelt. Wichtig ist dabei, dass die Patienten motiviert
sind und dass alle Ärzte und Therapeuten gemeinsam an

Füße in Not

Die Füße verdienen bei Menschen mit Diabetes besonderes Augenmerk. Bei Komplikationen zählt eine gute und schnelle Versorgung. Worauf es ankommt, hat unsere Autorin Inge Behrens beim Besuch einer Fußambulanz erfahren.

„Ab dem Moment, in dem der Verdacht auf eine Wunde besteht, gehört der Patient unbedingt in eine spezialisierte Wund- und Fußambulanz. Der Besuch beim Podologen genügt dann nicht mehr“, betont Nils Burow, Wund-Assistent im Diabetes Zentrum Hamburg West. Es verfügt neben zwei Fachärzten für Inneres und Diabetologie auch über eine solche Ambulanz. Denn Menschen mit Diabetischem Fußsyndrom laufen im wahrsten Sinn des Wortes ständig Gefahr, dass sich selbst allerkleinste Verletzungen infizieren. Jeder Tag, den man dann verliert, kann die Behandlungszeit um Wochen, ja Monate verlängern. Von den rund 3000 Patienten, die jährlich die Facheinrichtung in Hamburg konsultieren, werden 350 Patienten von den beiden Wund-Assistenten Nils Burow und Selina Stein fachkundig behandelt. Sie sorgen nicht nur für eine optimale und schnelle Versorgung von chronischen Wunden,  sondern sind auch bei akuten Wunden wie Druckstellen, offenen Blasen und anderen kleinsten Verletzungen die erste Anlaufstelle.

Optimale Wundversorgung
Die Wundspezialisten schaffen optimale Bedingungen, damit sich das offene Hautareal möglichst schnell schließt. „Fußwunden sind dank moderner Wundauflagen wie beispielsweise Schaum-verbänden heute sehr gut behandelbar. Dieses Material nimmt überschüssige Feuchtigkeit auf, trocknet die Wunde aber nicht aus“, erklärt der gelernte Krankenpfleger Burow. Wöchentlich gehen 30 bis 60 Fußpatienten durch seine versierten Hände. Routiniert prüft er mit Stimmgabel und Monofilament Empfindungsvermögen und Durchblutung. Das Ergebnis liefert einen Hinweis darauf, wie gut eine Wunde heilen kann. Bei schlechter Durch-blutung ist der medizinische Rat des Diabetologen Dr. Dominik Dahl gefordert. „Um die Durchblutung zu verbessern, arbeiten wir außerdem eng mit Gefäßspezialisten zusammen,“ erklärt der Mediziner. Auch wenn sich eine Wunde infiziert, wird Dahl hinzugezogen, denn nur er kann und darf als Mediziner Antibiotika verordnen. Patienten, die als Spätfolge des Diabetes Sensibilitätsstörungen oder gar Taubheitsgefühle in den Füßen entwickeln, bemerken häufig Verletzungen gar nicht oder viel zu spät. Denn ihr Schmerzempfinden ist stark eingeschränkt. „Da der Fuß nicht mehr mit dem Gehirn spricht, wird er quasi zum Anhängsel und oftmals nicht mehr ausreichend geschont“, berichtet Burow aus der Praxis. „Es passiert daher leider in jeder Woche, dass bei zwei oder drei Patienten die Wunde so tief ist, dass der Knochen bereits freiliegt“. In so einem Fall steigt das Risiko, dass sich der Knochen mit Bakterien infiziert. Im Extremfall droht eine Amputation. Wundspezialist Burow und Diabetologe Dahl entscheiden dann gemeinsam, ob Gefahr droht und sie den Patienten direkt ins Krankenhaus überweisen.

Jeder Tag zählt
Patient Ralf Stamm kam zwei Tage zu spät in die Hamburger Wundambulanz. Er hatte zwar bemerkt, dass sein linker Fuß stark geschwollen und gerötet war, jedoch die winzige Wunde an der Fußsohle weder gespürt noch gesehen. Er meinte, an einer Wundrose erkrankt zu sein, und verordnete sich selbst ein Medikament. „Am nächsten Tag war nicht nur mein Fuß dick, sondern die Rötung bis zum Knie weitergegangen. Alles war vereitert“, erinnert sich der 54-Jährige. Da der Knochen bereits entzündet war, zögerten Dahl und Burow keinen Moment und überwiesen ihn ins Krankenhaus. Der gelernte Schreiner hatte Glück im Unglück, denn das tote Gewebe konnte entfernt und sein Fuß gerettet werden. Seit drei Monaten kommt er nun zwei Mal wöchentlich in den wohnlich wirkenden Behandlungsraum. Mit viel Feingefühl säubert Burow jedes Mal die Wunde an der Fußsohle und freut sich gemeinsam mit seinem Patienten über Heilungsfortschritte. Stamm achtet jetzt mehr auf seine Füße. Alle vier Wochen geht er zum Podologen. Denn diese medizinisch ausgebildeten Fußexperten sorgen für eine verletzungsfreie Haut- und Nagelpflege. Burow hat noch einen wichtigen Rat: „Je weniger ein Diabetiker seine Füße spürt, desto wichtiger ist passendes Schuhwerk. „Denn zu enge Schuhe verursachen aufgrund des lang anhaltenden Drucks schnell Blasen und andere Läsionen. Wer auf Nummer sicher gehen will, sieht am besten täglich mit einem Handspiegel nach kleinen Verletzungen“, so der Wundassistent. Noch besser sei es, wenn ein Verwandter oder Partner
die Füße täglich inspiziert.

Gut zu wissen:
Bei Sensibilitätsstörungen der Füße empfiehlt sich alle vier Wochen ein Besuch beim Podologen. Jeder Patient mit Polyneuropathie, arterieller Verschlusskrankheit und Diabetischem Fußsyndrom hat Anspruch auf eine podologische Komplexbehandlung. Treten Wunden auf, heißt es, sofort den Hausarzt oder Diabetologen aufzusuchen.

 

 

 

Die Lust an freier Bewegung

 

Möchten Sie aus Ihrem alten Leben auch ab und zu ausbrechen und mal etwas ganz Anderes machen und Neues erleben? Der Kurs „Movement unknown“ bietet genau das. Man lernt dabei, sich zu guter Musik, wieder frei zu bewegen. Eine spannende Selbsterfahrung, die zufrieden macht und Selbstvertrauen schenkt.

Ein merkwürdiger Tanz ist das! Die Bewegungen, die die fünf Frauen zu rhythmischer Musik machen, sehen irgendwie skurril aus. Weder gibt es eine Schrittfolge noch sind ihre Bewegungen synchron. Jede Frau scheint ihren eigen inneren Impulsen zu folgen. Die Bewegungen wirken exzentrisch, ausdrucksstark, manche Gesten sind poetisch andere martialisch. Vielleicht handelt es sich ja um eine Art Tanztheater, denke ich. Eine Frau im türkisfarbenen Outfit schleicht sich wie ein Panther auf leisen Sohlen heran. Die Schultern leicht nach vorn gebeugt, die Finger gespreizt, scheint sie bereit zum Sprung zu sein. Auch wenn nicht alle Bewegungen ästhetisch sind, eines ist klar: diese nicht alltäglichen Bewegungen erfordern Koordinationsvermögen, Konzentration und Selbstgefühl. Das, was die fünf Frauen dort oben auf dem Tanzboden zeigen und betreiben, ist ein Training nach der Grinberg-Methode. „Movement unknown“ oder „Stopping Movement“ heißen die Kurse, zu Deutsch „Unbekannte oder gestoppte Bewegungen“. Angebote gibt es bislang in Berlin, Hamburg, Köln und Essen.

Das Hamburger Stadtfest Altonale ist für Trainerin Christine Gundlach eine gute Gelegenheit, einigen Menschen dieses sehr spezielle Körpertraining nahe zu bringen. Am Ende der Aufführung fordert die 41-Jährige die Zuschauer zum Mitmachen auf. Doch viele zögern und wissen nicht, was sie tun sollen. Offenbar ist es ist gar nicht so einfach, sich anders als wie gewohnt zu bewegen.

Raus aus dem alten Storyboard

Der Israeli Avi Grinberg, der Erfinder des Körpertrainings „Movement unknown“ hatte sich früh für den menschlichen Bewegungsapparat interessiert. Seit seinem 16ten Lebensjahr hatte er sich intensiv mit Zen-Meditation, östlicher Kampfkunst und den verschiedensten Massagetechniken beschäftigt. Nachdem er als Sanitäter in der israelischen Armee tätig war, arbeitete er als Heiler weiter. Offenbar hatte er ein intuitives Gespür, wie man Schmerzen und Beschwerden lindern konnte. Doch er machte immer dieselbe frustrierende Erfahrung: Nur wenige Monate nach der Behandlung kehrten seine Klienten zu ihm zurück. Meist hatten sich deren Beschwerden und Symptome sogar verschlimmert. Seiner Ansicht nach, konnte es dafür nur einen Grund geben: Sie hatten sich einfach wieder genauso stereotyp wie zuvor bewegt und verhalten: bei Stress immer auf die gleiche ermüdende Art und Weise reagiert, wie fixiert am Schreibtisch gesessen und in derselben eigentlich unentspannten Position geschlafen. „Der Körper hängt wie in einem alten Storyboard drin und kann da nicht raus“, erklärt Trainerin Christine Gundlach. Aufgrund der sich wiederholenden Bewegungs- und Verhaltensmuster kommt es deshalb auch immer wieder zu einem Ungleichgewicht im Körper, das auch chronische Schmerzen verursachen kann. Avi Grinberg wurde klar, dass sich der Gesundheitszustand seiner Klienten nur dauerhaft bessern konnte, wenn sie ihre Bewegungsgewohnheiten veränderten und durchbrachen. (….)